11.03.2010 04:08 Uhr - 1. Bundesliga - Ole Rosenbohm und red

Oldenburgs Serie hält auch gegen Leverkusen - 14 Spiele ohne Niederlage

Tatiana Surkova hielt Oldenburg den Rücken freiTatiana Surkova hielt Oldenburg den Rücken frei
Quelle: Thorsten Helmerichs
Die Serie hält und hält. Selbst die absoluten Spitzenteams der Bundesliga können den VfL Oldenburg nicht stoppen. Am gestrigen Mittwochabend besiegte der Pokal- und Supercupgewinner den Tabellenzweiten Bayer Leverkusen mit 20:19 und festigte seinen dritten Rang vor ProVital Blomberg. Es war bereits das 14. Pflichtspiel ohne Niederlage in Folge. Der VfL ist nun die einzige Mannschaft, die sowohl den HC Leipzig, wie auch Leverkusen in die Schranken weisen konnte und untermauerte seine Position als dritte Kraft in der Bundesliga. Leverkusen dagegen verlor in der Bundesliga seine erste Partie seit dem 21. Oktober (13 Spiele). "Unsere Serie ist mir allerdings total egal, denn dafür können wir uns nichts kaufen. Ich denke nur von Schritt zu Schritt", erklärte Rechtsaußen Ulrike Stange nach dem Spiel.

Mit nur 41 Toren sahen 730 Zuschauer in der Oldenburger EWE ARENA die torärmste Begegnung des VfL während der laufenden Saison. Die mit der stärksten Abwehr der Liga ausgestatteten Gäste hatten beim 21:18-Erfolg beim Thüringer HC am 30. Januar einmal weniger Treffer erlebt. "Unglaublich. Wir haben doch schon mal 20 Tore in einer Halbzeit erzielt", stellte Oldenburgs Ulrike Stange nach dem Spiel fest. Auch die Gäste hatten schon diese perfekte Halbzeit. Als in eigener Halle der Thüringer HC mit 37:25 deklassiert wurde, stand es zur Pause bereits 23:10 für die Elfen.

Den Torhüterinnen Clara Woltering, immerhin erst vor kurzem als Handballerin des Jahres 2009 ausgezeichnet, und Tatiana Surkova eilt ihr Ruf voraus. Wenn man einer starken Torfrau gegenüber steht, dann zielt man natürlich ganz genau aufs Tor. Nach zwei Toren von Julia Wenzl (2./3. Minute) jeweils von Linksaußen blieben zunächst beide Gehäuse wie vernagelt. Bei den "Elfen" setzten Anna Loerper (1.) und Laura Steinbach (9.) Strafwürfe an den rechten Außenpfosten, Kreisläuferin Anne Müller zielte zweimal zu hoch (Latte und drüber), und Marlene Zapf prüfte in der zehnten Minute bereits zum vierten Mal die Haltbarkeit der Oldenburger Torlatte. Wenig später hielt VfL-Torfrau Tatiana Surkova bei einem Konterversuch Loerpers bereits ihren fünften Ball. Insgesamt trafen die Gäste acht Mal Pfosten oder Latte, die "in bestechender Form" (Stange) spielende Surkova entschärfte 17 teils gefährliche Würfe. Auf der anderen Seite berührten aber ebenfalls sieben Oldenburger Bälle das Gestänge.

Zehn Minuten kein Leverkusener Treffer

Den ersten Bayer-Treffer erzielte Loerper nach 10 Minuten und 20 Sekunden per Konter. "Bis zum ersten Tor hatten wir fünf oder sechs Hundertprozentige, da muss man sich doch fragen, was in den Köpfen der Spielerinnen vorgeht", ärgerte sich Bayer-Trainerin Renate Wolf später. Gut für die Gäste, dass auch der VfL nach dem 2:0 geschlagene neun Minuten ohne Treffer blieb. Erst nach Sabrina Neuendorfs 3:1 (12.) musste die Anzeigetafel in gewohntem Tempo aktualisiert werden. Das Spiel blieb zwar spannend, doch der VfL lag stets vorne. Leverkusen vertraute mit Erfolg auf eine 6:0-Abwehr, die die jeweils ballführende Oldenburgerin aggressiv anging. Aus dem Rückraum lief beim VfL daher oft wenig, zudem zeigte auch Nationaltorhüterin Clara Woltering ihre ganze Klasse.

Auf der anderen Seite stand Oldenburg etwas tiefer als Leverkusen, aber ebenfalls offensiv gegen die Halbspielerinnen der Gäste. Beide Defensivleistungen hatten ein beeindruckend hohes Niveau. "Wir haben in einer Partie mit zwei starken Abwehrreihen die Nerven behalten. Nur so kann man gegen einen so starken Gegner gewinnen. Ich habe eine Klasse-Leistung meiner Mannschaft gesehen, die gegen einen Meisterschaftsfavoriten mehr als nur auf Augenhöhe gespielt hat. Unsere Defensivleistung hatte höchstes Niveau, wir haben agiert statt zu reagieren und haben uns nie abkochen lassen. Auch die Kommunikation in der Abwehr hat perfekt funktioniert", war Oldenburgs Trainer Leszek Krowicki entsprechend zufrieden.

Leverkusen haderte vor allem mit seiner Angriffsleistung. Nach den zunächst gut herausgespielten, aber nicht genutzten Chancen, schlich sich auch die ein oder andere überhastete Aktion ein, die Zahl der technischen Fehler stieg auch an und Oldenburg kontrollierte die Partie dank seines schnellen Umschalten von Abwehr auf Angriff. "Den formierten Oldenburger Angriff hatten wir gut im Griff. Aber weil uns vorne selber zu wenig gelungen ist, konnten wir die Konter Oldenburgs nicht unterbinden", erklärte Leverkusens Trainerin Renate Wolf später. Auch von der Siebenmeterlinie waren die Elfen nur schwer zu überwinden. Clara Woltering entschärfte die ersten beiden Versuche von Herr und Neuendorf. Nachdem die ungarische Linkshänderin dann ihre Versuche zwei und drei erfolgreich bestreiten konnte, scheiterte sie beim vierten Mal an Lena Knipprath, die auch später von Angie Geschke nicht zu überwinden war. Zwei von sechs Strafwürfen, so die Bilanz der Niedersächsinnen, die Elfen hatten da dank der Nervenstärke von Katrin Engel, die alle vier Strafwürfe verwandelte und so die Quote der Leverkusenerinnen auf vier von sechs Strafwürfe brachte, gar ein Plus auf ihrer Seite.

Nach der Pause hatte der VfL seine beste Phase. Neuendorf besorgte aus der zweiten Reihe das 13:9 (34.), erst in der 36. Minute kam Leverkusens Halblinke Laura Steinbach zu ihrem ersten von nur drei Treffern (10:13). Im rechten Rückraum war Denisa Glankovicova mit nur einem Tor ähnlich erfolglos. "Weil wir auf den Halbpositionen nicht gefährlich genug waren, musste Oldenburg seine Abwehr nicht öffnen", analysierte Wolf. Die Enge am Kreis machte auch der wieder ins Nationalteam zurückgekehrten Müller zu schaffen, die sich zwar abrackerte, von den Gastgeberinnen allerdings hervorragend verteidigt wurde. In der zweiten Hälfte setzte Wolf zunehmend auf Marlene Zapf als Halbrechte und Heike Ahlgrimm. Beide machten den "Elfen"-Angriff gefährlicher. VfL-Coach Leszek Krowicki dagegen ließ bis zum Schluss lediglich die bereits eingesetzten sieben Feldspielerinnen auf die Platte. Für die Höhepunkte sorgte weiter der VfL. Julia Wenzls 14:10 (37.) ging ein sagenhafter langer Pass Geschkes voraus. Beim 15:11 (38.) zeigte Herr ihre Qualitäten im Eins-gegen-Eins-Spiel und glänzte wenig später als Vorlagengeberin für Rechtsaußen Stange (16:12/41.).

Die Elfen ließen sich jedoch auch nicht von Neuendorfs Alleingang zum 17:13 demoralisieren und stemmten sich mit großem kämpferischen Engagement gegen die drohende Niederlage. Oldenburg schien angeschlagen, doch zwei Aktionen Julia Wenzls ließen die Zuschauer jubeln: Erst bediente sie Kreisläuferin Kethorn (18:15), dann traf die 20-Jährige aus der zweiten Reihe zum 19:16 (48.). Zwei VfL-Tore in Unterzahl - und dennoch war der Vizemeister noch nicht geschlagen: Steinbach traf nach schneller Mitte und holte dann den nächsten Strafwurf heraus: 18:19 (50.). In den letzten zehn Minuten fielen nur noch vier Tore, Chancen für mehr allerdings waren vorhanden: Neuendorf zielte zu hoch (50.), Herrs Durchbruch parierte Woltering (52.), Geschkes anschließender Siebenmeter landete an der Oberlatte und nach hohem Bogen im Spielfeld, auch Wenzls Heber streifte die Latte, später (54.) hatte Neuendorf mit einem Unterlatten-Knaller Pech. Für die ersten Tore sorgten Zapf (19:19, der erste Leverkusener Ausgleich) und Herr im Gegenzug (53.). Fünf Minuten vor Schluss traf Steinbach zum 20:20.

Dramatik bis zum Schluss

Ausgerechnet Geschke, die bei ihren Wurfversuchen aus der zweiten Reihe nicht ihren besten Tag hatte (allerdings auch gut verteidigt wurde), markierte den Schlusspunkt. Nach dem 20:20 landeten noch zwei ihrer Würfe neben dem Leverkusener Tor. Dennoch ließ sich Geschke nicht entmutigen, übernahm weiter Verantwortung und erzielte 73 Sekunden vor dem Ende aus etwa sieben Metern das alles entscheidende 21:20.

Zuvor landete auch ein Versuch Neuendorfs bei angezeigtem Zeitspiel an der Latte (58.). Auch die befragten Leverkusener Spielerinnen stuften den VfL-Sieg als "verdient" ein, knapper hätte die Partie aber nicht enden können. Zweimal noch berührte der Ball nach Steinbach-Würfen das Oldenburger Gestänge: Erst lenkte Surkova den Ball an den Innenpfosten. Dann - beim letzten auszuführenden Freiwurf - schaffte es die Nationalspielerin per Knickwurf, den Ball an der VfL-Mauer vorbei zu werfen. Wieder landete der Ball bezeichnenderweise am Pfosten. Es war das spektakuläre Ende eines höchst unterhaltsamen Handballspiels.

"Unsere Torquote heute war katastrophal. Das war kein Pech, das war Unvermögen", ärgerte sich Lyn Byl nach der Partie. "Grundsätzlich war das Spiel natürlich nicht so wahnsinnig wichtig, wir bleiben ja ziemlich sicher Zweiter. Aber Selbstvertrauen für die Playoffs holen wir uns mit solchen Auftritten nicht", so die britische Nationalspielerin, die mit ihrem Team am Wochenende um den Einzug ins Halbfinale des EHF-Pokals kämpft weiter. Glücklich natürlich waren die Vertreter aus Oldenburg, die dank des Erfolges auch weiterhin zwei Zähler vor Provital Blomberg-Lippe auf Rang drei liegen.

Die Entscheidung zwischen den beiden Teams fällt möglicherweise erst am letzten Spieltag, wenn beide Mannschaften im direkten Duell aufeinandertreffen. Oldenburg hat vor diesem Endspiel noch eine Rechnung mit den Lipperländerinnen offen - war es doch Blomberg, das zuletzt ein Spiel gegen den VfL gewinnen konnte. Für die Oldenburger Spielerinnen liegt dieses Duell, zu dem es auch im Viertelfinale des DHB-Pokals kommt, noch in weiter Ferne. "Das war eine Abwehrschlacht mit einem glücklichen Ende für uns. Wir sind zurzeit wirklich gut drauf. Unsere Serie ist mir allerdings total egal, denn dafür können wir uns nichts kaufen. Ich denke nur von Schritt zu Schritt und ab sofort gilt unsere Konzentration der Partie in Nis", erklärte Ulrike Stange, die mit dem VfL nun ebenfalls erstmal wieder die Konzentration auf die internationalen Aufgaben lenkt, denn bereits am Wochenende müssen die Oldenburgerinnen in Serbien das Hinspiel im Europapokal der Pokalsieger absolviereren.