08.03.2010 12:06 Uhr - 2. Bundesliga Süd - Ingo Feiertag - Südkurier

Allensbach verlässt Abstiegsränge

„Never change a winning team“, heißt es so schön im Sport, verändere nie eine Mannschaft, die gewinnt. Warum auch? Bestimmt hat jede Kleinigkeit ihren Beitrag zum Sieg geleistet, wie etwa die Glücksunterhose, die erst wieder gewechselt wird, wenn eine Erfolgsserie reißt, oder andere Rituale. Im Umkehrschluss aber muss bei den abergläubischen Sportlern ganz schnell so viel wie möglich geändert werden, wenn es einmal nicht läuft wie gewünscht. Also dachten sie sich bei den Zweitliga-Handballerinnen des SV Allensbach, mit dem Trainer auch gleich die Auswechselbänke auszutauschen.

Seit Jenny Wiedenmaier und Sonja Pannach das Sagen haben, sitzen die SVA-Spielerinnen in der ersten Hälfte von der Tribüne aus gesehen links. Mit Erfolg. Vor dem Tauschgeschäft hatten sie gerade einmal ein Heimspiel gewonnen, seit dem 38:26 (14:11)-Sieg über den Tabellennachbarn TSG Ketsch sind es nun schon drei in Serie. Frei nach dem Motto: „Never change a winning Auswechselbankseite.“

Wobei das wohl nur ein Mosaiksteinchen ist unter den Gründen für das Allensbacher Selbstvertrauen. Viel wichtiger ist: Die Mannschaft spielt derzeit einfach richtig gut, selbst wenn sie unter enormem Druck steht. Gegen Ketsch galt es nicht nur, den Tabellenneunten im direkten Duell zu überholen, der SVA spürte auch den Atem des SC Riesa im Nacken. Dieser war am Nachmittag mit einem 34:19 über Schlusslicht Beyeröhde nach Punkten mit dem SVA gleichgezogen und hatte nun sogar ein besseres Torverhältnis.

Man merkte den Teams an, dass es im Abstiegskampf der 2. Bundesliga um ihr Überleben ging. Dementsprechend hektisch war es in der Anfangsphase. Je zwei Fehler leisteten sich beide, ehe der SV Allensbach das 1:0 erzielte und die Initiative übernahm. Aus der aggressiven Abwehr heraus bestimmten die Gastgeberinnen schon früh das Spiel, lagen mit 4:1 (8.) und 13:7 (26.) vorn, ehe es vor der Pause nochmals kurz spannend wurde (13:11). Es erinnerte einiges an die Play-off-Spiele vor zwei Jahren: Kathrin Egenhofer, die zwischenzeitlich in der Reserve spielte, ordnete die Defensive im Mittelblock, das Duo Barbara Harter und Lena Landenberger harmonierte überragend gut, die Stimmung in der Halle war großartig, und die Allensbacherinnen spielten, als gäbe es das Wörtchen Druck überhaupt nicht in ihrem Wortschatz. Hätten sich die Gastgeberinnen nicht immer wieder das Leben selbst schwer gemacht mit überhasteten Abspielen oder riskanten Pässen, sie hätten schon zur Pause deutlicher geführt als 14:11.

Das war jedoch alles kein Problem für die starke Heimmannschaft. In der zweiten Hälfte schraubte sie ihren Vorsprung immer weiter in die Höhe. Es klappten nun auch im Angriff wieder die scheinbar unmöglichen Dinge. So fand ein abenteuerlicher Pass der starken Torhütern Vanessa Beier über das gesamte Feld die zum Tempogegenstoß gestartete Jaqueline Maier beim 17:11 (37.) und Lena Landenberger gelang ein Zaubertor per Heber nach einem Gegenstoß zum 29:20 (53.). Den Grundstein zum Sieg legte allerdings die hervorragend geordnete Defensive. Fast kein Angriff der verzweifelten Gäste verging, ohne dass die Schiedsrichter Zeitspiel angezeigt hatten. „Ich habe selten eine so sensationelle Abwehr gesehen“, freute sich Manager Manfred Lüttin, „wir haben immer agiert, nie reagiert. Das war der Schlüssel zum Erfolg.“

Am Ende gewann Allensbach deutlich mit 38:26. Als die Spielerinnen nach der Partie im Kreis um Lüttin hüpfend jubelten, hatten sie die Relegationsplätze verlassen, Ketsch und Riesa in der Tabelle überholt, die letzeren sogar auch wieder in punkto Torverhältnis. Schon oft hatten sie in dieser Saison feuchte Augen, am Samstag waren es endlich wieder einmal Freudentränen. Dementsprechend erlöst waren alle Beteiligten nach diesem Gänsehautspiel. „Einfach nur erleichtert“, waren Lena Landenberger und Babsi Harter. „Der Druck war schon enorm hoch in den letzten Wochen“, fuhr Harter fort.

„Wir sind auf einem guten Weg“, sagte Trainerin Sonja Pannach und mischte in den Jubel eine Portion Vorsicht, „hoffentlich gehen wir ihn auch zu Ende.“ Noch ist der Ligaverbleib nicht gesichert. Drei Partien sind es noch in Richtung Klassenerhalt, darunter das Heimspiel gegen Schlusslicht Beyeröhde, und der SV Allensbach hat als Tabellenneunter das im Vergleich zur Konkurrenz leichteste Restprogramm. Bereits am Samstag beim nächsten Tabellennachbarn Zwickau kann der SVA den direkten Abstieg vermeiden. Das weiß auch die Zweite im Trainerinnengespann, Jenny Wiedenmaier: „Das Beste ist: Wir haben es selbst in der Hand.“