18.12.2009 15:59 Uhr - Weltmeisterschaft - Matthias Kornes - handball-world.com

Das Duell der Giganten geht an Russland

Russland ist der Gegner Frankreichs im Finale der Weltmeisterschaft in China. Mit 28:20 (17:12) setzte sich das Ausnahmeteam gegen Norwegen durch. Beide Mannschaften zeigten Weltklasse-Handball und bestätigten ihre Stellung als Spitzenmannschaften. Die Russinnen begingen allerdings noch weniger Fehler als Norwegen, das mit zunehmender Spieldauer immer mehr Probleme mit der russischen Defensive hatte und dann auch den schnellen und großen Rückraum des amtierenden Weltmeisters nicht mehr verteidigen konnte. Am Ende siegte Russland auch in der Höhe verdient und kann so den Titel gegen das Überraschungsteam aus Frankreich verteidigen.

Evgenij Trefilov hatte seine Mannschaft perfekt eingestelltEvgenij Trefilov hatte seine Mannschaft perfekt eingestellt
Quelle: Michael Heuberger
Viel war im Vorfeld über die personellen Ausfälle bei Russland und Norwegen geschrieben und gesprochen worden – was dann allerdings die zweite Reihe und die junge Garde im Halbfinale der Weltmeisterschaft auf das Parkett legte, war Spitzenklasse. Das nach Meinung vieler Experten vorweggenommene Finale hielt, was es versprach. Unter Trainer Evgeny Trefilow haben die russischen Handballerinnen einen großen Schritt nach vorne gemacht, der ob seiner mitunter nicht ganz salonfähigen Umgangsformen mit seinen Spielerinnen nicht ganz unumstrittene Trainer hat aus großen und wurfgewaltigen Hüninnen schnelle, bewegliche und große Spielerinnen gemacht, das Spieltempo in allen Phasen gesteigert und auch in der Abwehr neue Konzepte und Strukturen eingeführt. Die Maßnahme, das Spiel der Norwegerinnen über den Kreis mit den bärenstarken Frafjord und Löke durch eine 5:1 Deckung lahm zu legen ging auf. Erst Emilia Turey, dann Ekaterina Vetkova machten einen Riesenjob auf der Spitze.

Norwegen fiel, zumindest 20 Minuten lang, nicht dagegen ab, die norwegische 6:0 schuftete mit einer beeindruckenden Beinarbeit und einer taktischen Disziplin, die Maßstäbe setzte. So war das Spiel denn auch bis zu dieser 20. Minute hart umkämpft, ohne große Vorteile für einen der beiden Kontrahenten. Beide Seiten leisteten sich kaum Fehler, spielten lange und klar strukturierte Angriffe, der gegenseitige Respekt war erkennbar. Als Linn-Kristin Riegelhuth im Konter das 6:3 markieren konnte, schien Norwegen schon auf dem Weg ins Finale, aber Russland kam zurück. Beide Trainer setzten ihre Schachfiguren in Szene, änderten regelmäßig Aufstellung und taktische Aufgaben. Russland versuchte es mit zwei Kreisspielerinnen, Norwegen antwortete mit einer Einzeldeckung gegen die überragende Liudmila Postnova. Das Spiel lebte von all diesen Facetten, unter Druck wuchtete Russland die gesamte individuelle Klasse im Angriff Richtung Tor – und legte in der Deckung entscheidend zu. Postnova, die ein derart breites Repertoire an Grundbewegungen und Technik abrufen kann, dass sie trotz kurzer Deckung kaum zu verteidigen war, überwarf den Innenblock, Vetkova legte den Ausgleich zum 8:8 nach, Norwegen schlug noch einmal zum 8:11 zurück, nach dem letzten Treffer durch Riegelhuth wechselte das Geschehen. Russland kam auf. Und übernahm nach zwanzig Minuten mit acht Toren in Folge das Kommando. Ein Traumpass auf Olga Levina im Gegenstoß brachte das 11:10, unter Passivwarnung düpierten die Außen Turey und Dronina mit dem Selbstbewusstsein des Titelverteidigers per Kempa die norwegische Deckung zum Ausgleich – Norwegen verlor den Anschluss.

Die zwei Kreisläuferinnen konnte Norwegen kaum noch kontrollieren, Postnova kam dazu, Levina nach ganz langem Weg an der halben norwegischen Abwehr vorbei traf zum 11:16, eine Vorentscheidung. Trotz aller Intensität, es war ein Spiel, in dem technisch auf allerhöchstem Niveau gearbeitet wurde, die zwei Minuten aufgrund eines unabsichtlichen Gesichtstreffer von Turey an Kristine Lunde waren nach 34 Minuten die erste Strafe im Spiel. Es folgte kurz darauf noch eine gegen Jungstar Tatiana Khmyrova, aber auch in Überzahl konnte Norwegen nicht entscheidend verkürzen. Norwegen versuchte es jetzt mit Übergängen von Rechtsaußen, Riegelhuth sollte aus dem rechten Rückraum mit ihrer Schnelligkeit entscheiden – der Sahnepass auf Löke zum 16:19, der Khmyrova die Strafe einbrachte, war allerdings schon fast das Ende dieser Maßnahme. Russland stellte flugs um, nahm Riegelhuth früher an, Muravyeva organisierte ihre Deckung erstklassig, der Impuls verpuffte wieder.

Mit Kari Grimsbö im Tor erwachte noch einmal neue Hoffnung, als die Keeperin aus Byasen mehrfach in Klassemanier rettete, aber ihre Vorderfrauen ließen zusehends mehr Kraft im Ringen mit den Russinnen, die munter rotierten und nun im entscheidenden Moment einfach die besseren Ideen hatten. Torfrau Inna Suslina legte auch noch einmal zu, zu viel lief nun gegen den Olympiasieger, der durch Postnova das 16:21 kassierte und wenig später beim 18:23 durch Camilla Herrem das letzte Mal in die Nähe Russlands kam. Die Russinnen banden Postnova trotz deren Manndeckung gut ins Spiel ein, die größeren Räume im norwegischen Verbund nutzen Andryushina, Khmyrova oder die Kreisläuferinnen zum Durchbruch, die resultierenden Strafwürfe feuerte Turey zum 17:23 und 18:24 ins Netz. Als Dmietrieva trotz Unterzahl aus spitzem Winkel zum 18:25 traf, war acht Minuten vor dem Ende die Frage nach dem Gewinner geklärt. Dass am Ende die 19-jährige Khmyrova nach einem Steal den letzten Treffer für den Titelverteidiger setzen konnte, passte ins Bild. Die Zukunft des Weltmeisters und des Olympiasiegers stand auf der Platte, diesmal zeigte sich Russland besser, aber auch Norwegen konnte mit Spielerinnen wie Tine Stange, Marit Frafjord oder Ida Alstad zeigen, dass man sich im Land der Fjorde um die Zukunft keine Sorgen machen zu braucht.