14.12.2009 12:42 Uhr - Weltmeisterschaft - mak / dpa

"Wir müssen den Kopf frei bekommen" - Deutschland kämpft noch um Rang 7

Ruhe vor dem letzten Auftrag in der Hauptrunde: Deutschland beim StadtrundgangRuhe vor dem letzten Auftrag in der Hauptrunde: Deutschland beim Stadtrundgang
Quelle: Michael Heuberger
Es sollte der Befreiungsschlag werden, es wurde eine „ganz schwere Geburt“, wie Leipzigs Rückraumspielerin Susann Müller feststellte: Der hart umkämpfte Sieg der deutschen Frauen gegen die Österreicherinnen bescherte der Nationalmannschaft die Chance, mit einer respektablen Platzierung aus China heim zu kehren. Allerdings wurde auch gegen die Turnierüberraschung Österreich, ein junges Team, das neben den Routiniers Subke, Spiridon und Engel vor allem viele junge unerfahrene Talente aufbot, deutlich, dass der Anfangselan der deutschen Mannschaft dahin ist. „Die Niederlagen im Vorfeld haben Verunsicherung gebracht und der Substanzverlust nach der schweren Vorrundengruppe war auch zu sehen“, beobachtete Bundestrainer Rainer Osmann.

So mühte sich sein Team vor allem auf kämpferischen Wege, den Sieg gegen das vom ehemaligen Nürnberger Meistertrainer Herbert Müller betreute Österreich sicher zu stellen. Der war immerhin hoch zufrieden mit seinem Team, welches sicher in die Hauptrunde gekommen war und damit ein exzellentes Ergebnis erzielt hatte: „Ich bin sehr zufrieden über das Auftreten meiner Mannschaft“, bilanzierte Müller, „wir haben den großen Favoriten Deutschland ins Wanken gebracht und sogar Verunsicherung geschürt. Unser Lernprozess muss weitergehen, wir sind ein würdiger Gegner in der Hauptrunde gewesen und wenn wir in der zweiten Halbzeit in der entscheidenden Phase den einen oder anderen Siebenmeter hineingemacht oder von Außen ein bisschen mehr Glück gehabt hätten, dann hätten wir hier eventuell auch mehr erreichen können.“ Genauso entspannt nahm Beate Scheffknecht, in der zweiten Liga Süd bei der SG BBM Bietigheim am Ball, die Niederlage: „Ich denke, es war ein gutes Spiel von beiden Seiten, am Ende hat uns das Quäntchen Glück gefehlt. Wir haben viel Spaß und sind froh, dass wir so weit gekommen sind.“

Während die Österreicherinnen so zufrieden auf die bisherige WM blicken können, herrschte beim deutschen Team erst einmal große Erleichterung: „Ich denke, wir haben uns sehr schwer getan gegen die junge Mannschaft aus Österreich“, sagte Torfrau Sabine Englert, einmal mehr beste Spielerin Deutschlands, „nach den zwei hohen Niederlagen war es schwer für uns ins Spiel zu kommen, am Ende haben wir aber verdient gewonnen.“ Der Sieg war nötig, schließlich stand ein drohender Absturz auf eine historisch schlechte Platzierung seit Rang zwölf im Jahr 2003 im Raum, nun kann der WM-Dritte von 2007 mit einem weiteren Erfolg in der letzten Hauptrunden-Partie am Dienstag (10.00 Uhr) gegen Afrika-Meister Angola das Spiel um Platz sieben am Donnerstag erreichen. „Wir werden den ganzen Tag regenerieren. Wir brauchen Kraft und müssen den Kopf frei bekommen, damit wir mit einem Sieg gegen Angola einen ordentlichen Abschluss und das Spiel um Platz sieben schaffen. Dann wäre die Zielstellung erfüllt“, sagte Osmann, für den das Spiel ein Besonderes war: Von 2001 bis 2008 war er Nationaltrainer der österreichischen Männer. Angola stellte unterdessen seine Klasse mit einem 28:23-Sieg zum Abschluss des Spieltages gegen Rekord- Olympiasieger Dänemark unter Beweis.

Gegen Österreich musste Osmann, der mit der Mannschaft erstmals ein großes internationales Turnier bestreitet, erneut feststellen, das Automatismen und Standards in seiner Truppe nicht so sitzen, wie das für ein noch höheres Niveau nötig wäre: „Ich habe eine sehr junge Mannschaft, viele spielen zum ersten Mal bei so einem großen Turnier“, analysierte Osmann, „die taktische Variante von uns, mit der Doppeldeckung gegen Subke und Engel hat voll eingeschlagen, im Positionsangriff haben wir uns dennoch schwer getan. In weiten Teilen setzen wir die taktische Vorgabe voll um, dann brechen wir weg von der Linie und machen uns das Leben selbst schwer. Insgesamt war es anders gedacht, aber die Niederlagen im Vorfeld haben Verunsicherung gebracht, das Spiel an sich war zufriedenstellend. “ So musste Deutschland auch gegen Österreich mit einem 10:12 und 13:16 Rückstand umgehen, erst in der 49. Minute drehte das Team beim 23:22 das Spiel. „Ich hatte es mir leichter vorgestellt», gab der Bundestrainer zu, «kämpferisch gibt es nichts auszusetzen“, sagte Osmann weiter. Susann Müller blies ins gleiche Horn: „Es war eine schwere Geburt, wir haben die ganze zeit über gekämpft, das war entscheidend.“


Entspannung am Ruhetag: Das deutsche Team beim Stadtbummel
Foto: Michael Heuberger


Herbert Müller steht derweil mit Österreich vor dem letzten Hauptrundenspiel gegen Frankreich. Dabei will man im Lager der Alpenrepublik auf das Spiel gegen den Nachbarn aufbauen: „Ich bin stolz, dass wir einen großen Gegner wie Deutschland zu einer 4:2 Deckung gezwungen haben mit unserer Kindergartenmannschaft. Wir hoffen noch genügend Kraft für morgen zu haben.“ Kraft ist auch ein Stichwort für Rainer Osmann: „Der Substanzverlust nach der schweren Vorrundengruppe war auch zu sehen, die Spielerinnen müssen lernen, durch so ein Turnier zu kommen. Einige bauen derzeit ab.“ Osmann hat nun auch Sorge, dass sein Team die bisherige sportliche Berg- und Talfahrt mit einem erneuten Tiefpunkt fortsetzen könnte. „Unsere Leistungskurve ist fallend. Wir quälen uns. Die Vorrunde haben wir auf teilweise sehr hohem Niveau gespielt und das hat sehr viel Kraft gekostet“, bekannte der Bundestrainer. Die nächste Aufgabe wird allerdings noch nichts zum erholen, weiß Osmann: „Kämpferisch erwarte ich von uns eine ähnliche Leistung, denn das wird gegen eine offensive und aggressive Abwehr Angolas eine ähnlich schwere Partie.“