30.03.2008 00:50 Uhr - Olympische Spiele - Christian Ciemalla

"Es zählt das Ticket" - Deutsche Frauen feiern Olympiateilnahme

Das 27:26 am Freitag gegen Schweden war hart erarbeitet und auch das 22:16 gegen Kroatien vom gestrigen Samstag war alles andere als ein Glanzsieg. Das störte den deutschen Jubel aber nicht, weder den der Fans noch den der Spielerinnen oder Offiziellen. "Wir haben das Ticket", "Wir fahren nach Peking" feierten die Spielerinnen den Erfolg, der die deutschen Frauen nach 1996 wieder zu den Olympischen Spielen bringt. "Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung", so Nadine Krause, die damit wohl für alle Spielerinnen sprach. "Zwölf Jahre Pause waren viel zu lang", so Grit Jurack, die als einzige deutsche Spielerin, damals achtzehnjährig, im Kader der Olympischen Spiele von 1996 in Atlanta stand.

"Bei Olympia spielt die Creme de la Creme des internationalen Handballs - und wir sind dabei", so eine überglückliche Grit Jurack nach Spielende. "Ich hoffe, dass alle gesund bleiben und dass wir in Peking besseren Handball spielen als heute - aber egal, es zählt das Ticket", brachte Jurack die Stimmung auf den Punkt. "Das 7:5 zur Halbzeit erinnert vom Ergebnis an die 80er-Jahre", so Anna Loerper, die erklärte: "Wir haben viel verworfen - die Kroatinnen glücklicherweise auch." Gerade im ersten Abschnitt war beiden Teams die Bedeutung der Partie sichtlich anzumerken.

Die kroatische Torhüterin Ivana Jelcic beeindruckte die deutschen Werferinnen mit einigen grandiosen Paraden. Die deutsche Auswahl vergab gleich reihenweise Großchancen, unbedrängt wurde der Pfosten getroffen, oder Jelcic oder der Ball neben das Tor gesetzt. "Nennen Sie es Kopfsache oder Übermotivation", so Bundestrainer Armin Emrich in der Pressekonferenz. "Wir haben versucht den Ball mit 150-prozentiger Genauigkeit zu verwandeln und dabei kommt es zu solchen Quoten. Das ist aber ein normaler Zustand, weil es eine besondere Situation ist. Es ist die Wilhelm-Tell-Situation: Man hat nur einen Pfeil. Es war eine einmalige und und unwiederbringliche Chance zur Teilnahme an Olympischen Spielen", erklärte der Bundestrainer die besondere Stresssituation für die Spielerinnen.

Die deutschen Frauen hatten Glück, dass die Kroatinnen ebenfalls mit diesem Druck zu kämpfen hatten. 1:3 hieß es nach sechs Spielminuten, in den verbleibenden 24 Minuten des ersten Abschnitts gelangen den Kroatinnen nur noch zwei Treffer. Die nervliche Belastung wurde unter anderem deutlich, als die 20-jährige Kristina Franic einen Siebenmeter warf, bei dem sie sich in letzter Sekunde zu einem Heber entschloss, der Sabine Englert auf Schulterhöhe erreichte. Während Englert bei Siebenmetern glänzte, hielt Clara Woltering die deutsche Auswahl im Spiel. "Ich war vor dem Spiel hypernervös, aber nach den ersten Paraden bin ich dann ins Spiel gekommen und konnte mich steigern", so die Leverkusenerin, die zur besten Spielerin des Spiels gewählt worden war.


Jubel der deutschen Auswahl nach Spielende
Photo: pressefoto-heuberger.com


Die Kroatinnen halfen ihr in den Anfangsminuten mit einigen "Körpertreffern" zu einer guten Quote. "Ich muss mich nur in den Weg stellen und es gehört auch Glück dazu", relativierte auch Woltering, allerdings soll dies ihre Leistung keinesfalls schmälern. "Wir hatten eine überragende Torhüterleistung", lobte Maren Baumbach. "Die Abwehr stand gut und Clara war dahinter klasse", urteilte auch Grit Jurack. Woltering will aber nachlegen, auf Journalistennachfrage, ob das das Spiel ihres Leben gewesen sei, antwortete die Leverkusenerin selbstbewusst: "Ich hoffe nicht!" Mit dem Verein und vor allem bei Olympia will die Torhüterin nachlegen und weiter für Furore sorgen.

"Es war eine sensationelle Stimmung", hob Grit Jurack einen weiteren Faktor hervor. Obwohl die deutsche Auswahl beste Chancen vergab und offensichtlich nicht zu ihrem Spiel fand, gab es keine Pfiffe, sondern die 6.000 Fans in der Arena Leipzig versuchten das Team zu unterstützen und als dieses im zweiten Abschnitt Fahrt aufnahm, bekam es den notwendigen Rückenwind von den Rängen. "Vor so einem Publikum will man auch schön spielen", erklärte Clara Woltering nach Spielende beinahe entschuldigend. Doch die deutschen Fans hatten Gespür für die besondere Situation in diesem Spiel, die lange Zeit zerfahrene Begegnung war bereits vor der Schlußsirene vergessen.

Als das DHB-Team endlich die Außen ins Spiel einbezog und die Treffer von Steffi Melbeck den Gastgeber davonziehen ließen, feierten die Fans bereits auf den Rängen. Nach einem sehenswerten Schlagwurf von Nadine Krause ins kurze Eck gab es dann drei Minuten vor Spielende kein Halten mehr, die Fans standen geschlossen auf und feierten das Team mit Standing Ovations. Das 22:16 war ein erkämpfter Arbeitssieg, doch das wie interessierte niemanden mehr. Es zählte nur, was unter dem Strich stand: Das Ticket zu den Olympischen Spielen! Und die deutsche Auswahl kann sich auf die Fahnen schreiben, dass die Mannschaft mittlerweile in der Lage ist, Spiele wie gegen Schweden oder Kroatien zu gewinnen, obwohl nicht alles nach Plan verläuft - mit Kampf, Einsatz und Teamgeist und der nötigen Erfahrung in den entscheidenden Momenten. Eine Tugend, die bei den Olympischen Spielen noch wichtig sein könnte.


Das "offizielle" Jubelphoto
Photo: pressefoto-heuberger.com


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