28.11.2007 05:00 Uhr - 2. Bundesliga Süd - Andreas Schuler - Südkurier

SVA: Mit Leidenschaft und Lebherz - Oliver Lebherz im Portrait

Oliver LebherzOliver Lebherz
Quelle: h-sa.de
Oliver Lebherz ist nicht der Mann für große Worte mit langem Nachklang. Oliver Lebherz ist ein Mensch fürs Sachliche, er lässt sich selten von seinen Emotionen zu unüberlegten Aussagen treiben. Dabei hätte er dieser Tage die verlockende Möglichkeit, Superlative zu gebrauchen. Lebherz ist Trainer des Handball-Zweitligisten SV Allensbach. Im 19. Jahr spielt der Verein in Deutschlands zweithöchster Liga. Doch das, was sich derzeit rund um den beschaulichen Verein am Bodensee abspielt, stellt alles bisher Dagewesene deutlich in den Schatten: Nach sieben Spieltagen steht der SVA mit 14:0-Punkten auf Platz zwei. Und was sagt der Trainer dazu? "Was meine Spielerinnen leisten ist schon toll." Schon toll? Das ist es wohl. Es ist sogar noch viel mehr. Manager Manfred Lüttin, der große Macher, verschlägt es fast die Sprache, wenn er an den Erfolg denkt: "Diese Mannschaft ist einfach sensationell."

Jahr für Jahr dümpelten die Allensbacherinnen im Mittelfeld der Liga herum. Mal ging es gegen den Abstieg, mal um einen Platz im vorderen Drittel. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Reiz, ein Spiel zu besuchen, ergab sich selten aus der Hoffnung nach sportlich Höherem. Der SV Allensbach im Zweitligahandball - erfolgreich, aber doch eben nur Durchschnitt. Das ist heute anders. Die besten vier Teams nehmen an den Aufstiegs-Playoffs teil und dürfen sich Hoffnungen auf die Eliteliga machen. "Träumen darf man immer", sagt Lüttin dazu, "doch die Bundesliga wäre für uns ein riesiger Kraftakt." Sprich: Die Anfahrtswege sind ungleich weiter und damit auch die Kosten deutlich höher. Doch wenn es so weiterläuft wie bisher, wird dem 68-Jährigen nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die Suche nach Sponsoren zu machen, die die Bundesliga mit dem Verein in Angriff nehmen würden.

Die Gründe für den Aufschwung sind vielschichtig. Sie sind allesamt jedoch unweigerlich mit einem Namen verbunden: mit dem des Trainers Oliver Lebherz. Dem 40-Jährigen ist es gelungen, eine homogene Mannschaft zu formen, die Spaß am Spiel hat und trotz des jüngsten Altersschnitts der Liga eine erstaunliche Kaltschnäuzigkeit an den Tag legt. Die Mannschaft spielt einen Handball der modernen Prägung: mit einer offensiven Deckung, schnellen Gegenstößen und vor allem Leidenschaft. Wenn es dann auch noch so erfolgreich läuft wie bisher, dann glücken Dinge, die sonst selbst im Training daneben gehen würden. "Das stimmt schon", sagt Lebherz, "derzeit spielen wir frisch, fröhlich und frei von der Leber weg."

Bei aller Euphorie vergisst Lebherz zwei entscheidende Faktoren nicht: "Ohne Glück und Gesundheit ist so etwas nicht möglich", antwortet er auf die Frage, ob Erfolg denn planbar sei, "und in dieser Hinsicht können wir uns nicht beklagen." Mit jedem Sieg wächst die Mannschaft mehr zusammen, mit jedem Erfolg fallen Siege leichter. Doch irgendwann, das weiß auch der Trainer, irgendwann wird die erste Niederlage kommen. "Wir gehen mit diesem Thema ganz offensiv um", erklärt er. Was das bedeutet? "Wir verändern im Training nichts und drehen nicht mit Absicht an dieser Schraube." Übersetzt heißt das: Der Alltag der Spielerinnen ändert sich auch angesichts der Siegesserie nicht. Die Lockerheit, mit der sie heute die Spiele angehen, soll noch so lange wie möglich anhalten. "Schauen sie", so Lebherz weiter, "auch eine Übermannschaft wie Kiel verliert mal. Das gehört dazu."

Am 16. Dezember spielen die Allensbacherinnen bei der Übermannschaft der 2. Frauen-Bundesliga: bei Frisch-Auf Göppingen. "Wir haben dort nichts zu verlieren und werden dementsprechend spielen." Das nächste Heimspiel findet aber schon am 8. Dezember statt. Der Vierte aus Bensheim-Auerbach gastiert dann am Bodensee. Auch bei der Ticketnachfrage erlebt der Manager den neuen hohen Stellenwert des Vereins. "Heute schon bekommen wir Nachfragen, ob es denn noch Karten dafür gäbe." Lüttin erwartet 800 Zuschauer zu dem Spitzenspiel. "So eine Euphorie haben wir hier noch nie erlebt", sagt er, "das haben sich die Spielerinnen auch verdient."

Verdient mit ihrem beherzten Auftreten auf dem Feld und ihrem sympathischen daneben. Die aktuelle Mannschaft bietet den Fans nicht nur tollen Sport, sondern auch die Möglichkeit der Identifikation. Die Mehrheit der Spielerinnen kommt aus der erweiterten Region. Neuzugang Nathalie Witt beispielsweise, die 18-jährige Überlingerin, ist die Entdeckung der Saison. "Ich habe nicht erwartet, dass sie derart einschlägt", so Lüttin. Auch ihr Trainer findet nur lobende Worte für den Teenager: "Sie steht allen anderen noch ein bisschen voran."

Lebherz ist froh, dass sie in seinem Kader steht: "Es ist verdammt wichtig, solche Spielerinnen aus der Region zu haben", erklärt er, "mit Profis würden wir nicht so dastehen." Lüttin schlägt in dieselbe Kerbe: "Einheimische legen sich mehr ins Zeug und machen keinen Dienst nach Vorschrift." Da mögen andere Vereine noch so viel investieren - bisher hat Allensbach den Übermächtigen erfolgreich Widerstand geliefert - ähnlich wie das berühmte gallische Dorf der Aufständigen. Das allerdings ohne Zaubertrank. Dafür mit einem Trainer, der ähnliche Fähigkeiten wie ein Druide zu haben scheint - auf seine ganz sachliche Art.



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