11.11.2005 08:06 Uhr - 1. Bundesliga - Timo Hölscher

Müller: "Der deutschen Mannschaft traue ich eigentlich alles zu"

Herbert MüllerHerbert Müller
Quelle:
Kurz vor dem Ende der Hinspielserie in der Bundesliga zog Nürnbergs Meistercoach Herbert Müller für www.hbvf.de ein erstes Zwischenfazit zur bisherigen Saison und zu seinen neuen Spielerinnen. Weiter spricht der Trainer der österreichischen Frauen-Nationalmannschaft über die Entwicklung in der Liga und die anstehende Weltmeisterschaft im Dezember in Russland. Während Müller Österreich in der Außenseiterrolle sieht, rechnet er dem deutschen Team guten Chancen für ein erfolgreiches Turnier aus.



Herbert, wie bist Du mit der bisherigen Saison aus Nürnberger Sicht zufrieden?

Herbert Müller:
Wir stehen mit zwei Minuspunkten an der Spitze der Tabelle und von daher muss ich eine zufriedene Bilanz ziehen. Alles andere wäre vermessen in diesem Jahr 2005, das für uns sensationell gelaufen ist mit dem Gewinn des Doubles. In dieser Saison fehlt uns aber ein wenig die Leichtigkeit nach den vielen englischen Wochen seit Anfang September.

Welche Deiner vier Neuzugänge überzeugte bislang am meisten?

Herbert Müller:
Das ist eine schwierige Frage. Der Sinn dieser Neuzugänge war, dass sie die erste Sieben entlasten. Szrnka konnte nach ihrer Knieverletzung noch nie richtig schmerzfrei trainieren. Ihr müssen wir noch Zeit geben, damit sie sich richtig integriert und ihre Wurfgewalt zur Entfaltung kommen lassen kann. Von Walzik bin ich sehr überrascht, wie sie auf der Außenposition wirbelt. Sie hat sich in den Bundesligakader hereingekämpft und Schmid verdrängt. Engel hat vom Spieltechnischen her alles, muss aber eine Handbremse lösen. Sie braucht einfach noch mehr Spielpraxis. Braun hat ihren Job optimal gemacht und Harlander entlastet. Sie hat uns sehr geholfen, bis Gubova wieder da war. Insgesamt bin ich mit allen zufrieden.

In der vergangenen Saison gab es in Nürnberg finanzielle Probleme. Konnten diese mittlerweile behoben und auch das Umfeld des Clubs weiter verbessert werden?

Herbert Müller:
Hierzu kann ich mit wirklich steinfreiem Herzen sagen, dass Ordnung geschaffen wurde. Das Umfeld ist jetzt optimal. Die Spielerinnen haben pünktlich am Monatsersten ihr Gehalt auf ihren Konten. Unsere neue Geschäftsführung ist sehr gut besetzt. Sicher haben wir aber im Umfeld auch noch Nachholbedarf, weil wir aufarbeiten müssen, was uns jahrelang gefehlt hat.

Wie beurteilst Du die Entwicklung des Niveaus in der Liga?

Herbert Müller:
Es hat sich leider herausgestellt, dass wir mittlerweile ein bisschen eine Zwei- oder sogar Drei-Klassen-Gesellschaft in der Liga haben. Das hätte ich in dieser Deutlichkeit so nicht unbedingt erwartet vor der Saison. Oben sehe ich ein Rennen der "Großen Vier" mit Leipzig, Leverkusen, Nürnberg und wohl auch Trier. Danach beginnt schon die zweite Klasse, die sogar unten in der Tabelle vielleicht noch mit einer dritten Klasse abschließt.

Welche Mannschaften haben Dich positiv überrascht, welche blieben bisher hinter den Erwartungen zurück?

Herbert Müller:
Leverkusen hat absolut überrascht und überzeugt. Die positive Entwicklung aus der vergangenen Saison hat sich sensationell weiter fortgesetzt. Mit einer Krause und den beiden starken Torhüterinnen werden alle anderen Spielerinnen mitgerissen. Leipzig war mit seiner europäischen Auswahl nicht anders zu erwarten. Diese Mannschaft ist vom Personal her mit Abstand am besten besetzt. Ketsch ist für mich durchaus eine positive Überraschung und eine Belebung der Liga. Diese Mannschaft spielt sehr schnell und frei auf, auch wenn die nötigen Punkte noch fehlen. Von Buxtehude mit seinem gleich gebliebenen Kader hätte man vielleicht auch erwarten können, dass die diese Mannschaft zu den "Großen Vier" aufschließt. Sie wird aber sicher in der Rückrunde noch kommen. Rostock hätte ich nicht so weit unten erwartet.

Wer wird am Ende Deutscher Meister?

Herbert Müller:
Aus meiner Sicht hat die Leipziger Mannschaft die ganz große Favoritenrolle. Ich sehe uns aber durchaus in der Lage, das eine oder andere zu verteidigen, wenn wir verletzungsfrei bleiben und die englischen Wochen in der kommenden Pause verdauen. Es wird am Ende ein Vierkampf sein. In den Play-offs ist alles möglich.

Österreichs Nationalmannschaft konnte zuletzt nicht in Bestbesetzung auflaufen. Bist Du dennoch optimistisch, dass Du bei der WM alle Stammspielerinnen dabei haben wirst?

Herbert Müller:
Leider nicht. Ofenböck und Strass fahren nicht mit zur WM. Hinzu kommt, dass sich eine weitere Linksaußen verletzt hat.

Wie stark schätzt Du Österreich ein und was traust Du den Deutschen zu?

Herbert Müller:
Österreich wird mit einem sehr kleinen Kader zur WM reisen. Ich habe die Mannschaft nur fünf Tage vor WM-Beginn zusammen. Die Aussichten sind daher alles andere als rosig. Wie werden sicher nach dem zweiten Spiel extrem nachlassen. Der deutschen Mannschaft traue ich bei einem optimalen Verlauf eigentlich alles zu. Wenn sie von Anfang an das nötige Glück hat, die ersten Spiele und Selbstvertrauen gewinnt, dann ist für sie sehr viel möglich. Schließlich kämpft zum Beispiel Norwegen gerade mit einem Riesen-Verletzungspech.

Österreich und Deutschland treffen bei der WM in ihrer Vorrundengruppe auf Dänemark, Polen, Brasilien und die Elfenbeinküste. Welche drei Länder erreichen die Hauptrunde?

Herbert Müller:
Mein Wunsch wäre Dänemark, Deutschland und Österreich. Aus österreichischer Sicht müsste dazu aber wohl ein Wunder passieren. Brasilien darf man nicht unterschätzen und die Elfenbeinküste wird an den ersten beiden Tagen auch gut sein. Ich denke, dass sich am Ende wohl doch die etablierten europäischen Mannschaften durchsetzen werden.

Wer wird Weltmeister?

Herbert Müller:
Dänemark nimmt sicher immer eine Favoritenstellung mit ein. Russland darf man als Gastgeber nie vergessen. Ich sehe Rumänien sehr stark, vielleicht auch Korea. Die deutsche Mannschaft steht aber fast schon auf Augenhöhe mit diesen Größen.