02.10.2007 04:00 Uhr - Olympische Spiele - Matthias Kornes - handball-world.com

Betrug in Athen? Ein Rückblick auf das olympische Finale 2004

Die überragende Spielerin des olympischen Finales: Katrine Fruelund, 15fache TorschützinDie überragende Spielerin des olympischen Finales: Katrine Fruelund, 15fache Torschützin
Quelle: Christopher Monz
„Über eine Sache kann ich mich heute noch aufregen. Es geht dabei um das Olympiafinale der Frauen 2004 in Athen zwischen Südkorea und Dänemark. Damals wurden die Koreanerinnen so offensichtlich um den Sieg betrogen, dass mir dieses Match in böser Erinnerung geblieben ist.“ Diese Aussage vom ehemaligen IHF-Geschäftsführer Frank Birkefeld in der Oktober-Ausgabe des „Handball-Magazins“ sorgte für reichlich Aufregung insbesondere in Dänemark.

„Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir die Sache verfolgen werden. Solche Anschuldigungen brauchen Beweise. Wir werden dies ganz bestimmt nicht auf uns sitzen lassen und verlangen eine Erklärung“, gab der Vorsitzende des Dänischen Handball-Verbandes, Per Rasmussen, im „Nordschleswiger“ zurück. Jan Pytlick stand damals als verantwortlicher Trainer der Däninnen an der Seitenlinie. Auch er zeigte sich ob der Mutmaßungen Birkefelds reichlich aufgebracht: „Ich bin fassungslos. Jeder, der das Spiel verfolgt hat, konnte sehen, dass es eine faire Partie war. Beide Mannschaften haben damals bis zum Äußersten gekämpft. Es war ein vorbildliches Spiel, das in die Geschichte des olympischen Handballs eingehen sollte. Hätten die Schiedsrichter uns damals helfen wollen, dann wäre es für sie doch ein leichtes gewesen. Südkorea hätte einfach nur mehr Zeitstrafen bekommen müssen. Dann wären sie schnell am Ende gewesen, und Dänemark hätte nicht erst noch in die Verlängerung oder gar ins Siebenmeterwerfen gehen müssen“, sagte Pytlick.

Genauer festlegen wollte sich Birkefeld nicht: “Ich sage nur: Dänemark konnte dieses Spiel einfach nicht verlieren, weil Südkorea nicht gewinnen durfte. Mehr möchte ich dazu nicht sagen“, so Birkefeld weiter im HM.

Rückblick: Finale 2004

Im olympischen Finale 2004 standen sich mit Südkorea und Dänemark die zwei in diesem Turnier dominanten Teams des Frauenhandballs gegenüber. Südkorea operierte phasenweise mit einer sehr offensiv interpretierten 3:2:1 Abwehr, agierte aber auch mit einer 6:0 Formation innerhalb des Neunmeterraumes. Insbesondere im späteren Spielverlauf setzten die Südkoreanerinnen dann auch auf eine äußerst offensive Deckung, die in ihrer Aufgabenverteilung an die in Deutschland überwiegend als Schulungsabwehr im Jugendbereich eingesetzte 1:5 Formation erinnerte. Dänemark setzte auf eine variabel gespielte 6:0 Abwehr.

Viele Aktionen, viele Entscheidungen

Kritische Entscheidungssituationen für die Schiedsrichter Baum und Goralczyk gab es in diesem intensiven und schnellen Spiel in hoher Zahl. Schwierig war das Spiel für die Schiedsrichter auch aufgrund der unterschiedlichen Spielanlagen beider Teams. Während Dänemark versuchte, das Positionsspiel aus dem Rückraum und der Distanz heraus zu gestalten, suchten die schnellen Koreanerinnen immer wieder den Durchbruch.

Den ersten Strafwurf erhielt Südkorea, Camilla Thomsen musste in der 12. Minute auch als erste Spielerin zwei Minuten raus. In der Folge sollte dies die einzige Zeitstrafe gegen Dänemark bleiben, Südkorea kam auf vier. In der Unterzahl wurde das schwerwiegende Manko der Südkoreanerinnen deutlich: Wenn sie die physisch starken Däninnen nicht doppeln konnten und nicht offensiv herausgingen, dann hatten Fruelund und Co meist allzu freie Bahn. Die Südkoreanerinnen dagegen blieben im Zweikampf immer wieder an den Däninnen hängen, schafften es allerdings auch nur selten, im Zweikampf so weiterzuarbeiten, dass es zu einer Progression kommen konnte.

Im Mittelpunkt des Geschehens stand immer wieder Südkoreas Kreisläuferin Soon Young Huh. Viele Anspiele fanden nicht den Weg zur koreanischen Nummer 4, immer wieder konnte Dänemark so den Ball gewinnen.

Kritische Szenen auch in der 40. Minute. Choi erhöht aus dem rechten Rückraum zum 16:19 für Südkorea. Katrine Fruelund überwirft den Block zum 17:19, dann gibt es ein offensives Foul gegen Choi - richtig, denn Line Daugaard stand der Linkshänderin im Weg. Fruelunds vermeintlicher Anschlusstreffer findet ebenfalls keine Anerkennung, die Schiedsrichter pfeifen ihren vierten Schritt zurück, was übrigens Dänemarks Coach Jan Pytlick zu heftigen Protesten provoziert. Den nächsten Wurf von Fruelund pariert die südkoreanische Torfrau, etwas überraschend gibt es hier Strafwurf wegen Abwehr im Raum, wenn auch die Dänin frei werfen konnte.

Nach 55 Minuten führt Dänemark

Eine gute Viertelstunde vor Schluss der regulären Spielzeit führt Südkorea mit zwei Treffern. Ein Foul an Fruelund führt zum Strafwurf – vertretbar, beide Koreanerinnen schließen aktiv die Lücke, ein offensives Foul konnte also nicht vorliegen. Kurz darauf gibt es zwei Minuten für Sang Eun Lee, die Mette Vestergaard am Arm erwischt hatte. In Überzahl scheitern die Däninnen zweimal an der Torfrau. Kreisläuferin Karen Brodsgaard gleicht dann zum 21:21 aus – und zwar unter Passivwarnung. In der Folge kann Dänemark nicht auf Mithilfe der Schiedsrichter setzen. Kristine Andersen bekommt ein offensives Foul abgepfiffen (50.), im Gegenzug erhält Südkorea einen Strafwurf zugesprochen. Auch der nächste Angriff der Däninnen endet mit einem offensiven Foul.

Die dramatische Partie wurde erst nach zweifacher Verlängerung Siebenmeter-Werfen entschieden. Interessant vor dem Hintergrund der Vorwürfe Birkefelds ist dabei, dass Dänemark nach 55 Minuten bereits mit 25:22 führte. In der Folge gab es einen technischen Fehler gegen Dänemark und ein offensives Foul gegen Südkorea – beides vertretbare Entscheidungen. Südkorea glich durch So Hee Jang in der vorletzten Minute aus. Auch in der ersten Verlängerung musste Dänemark nach Passivwarnung und Betreten des Torraums, einem technischen Fehler in der Vorwärtsbewegung sowie einem offensiven Foul gegen Kristine Andersen dreimal den Ball abgeben – Südkorea hatte einen Ballverlust zu verzeichnen, nachdem Kreisläuferin Soon Young Huh den Ball nicht kontrollieren konnte. Es gab dann auch noch beim Stand von 27:29 für Südkorea eine Zeitstrafe gegen die Asiatinnen, völlig in Ordnung, denn hinter der offensiven 1:5 Abwehr der Südkoreanerinnen hatte die Hinten-Mitte Huh Dänemarks Kreisläuferin Karen Brodsgaard nicht mehr rechtzeitig zulaufen können und vor der Ballannahme Brodsgaard auf den Arm geschlagen. In der Folge konnte diesmal Dänemark ausgleichen.

In der zweiten Verlängerung legte Dänemark vor. Line Daugaard lief von Linksaußen ein und wurde umgerissen, den fälligen Strafwurf verwertete Katrine Fruelund zum 31:29 (72.). Südkoreas Choi bekam dann ein offensives Foul abgepfiffen, was auch in Ordnung war: Die Rückraumrechte hatte mit der Schulter voran den Weg in die Abwehr gesucht. Kreisläuferin Huh hatte dann kein Foul erhalten, als sie angespielt wurde, den folgenden Angriff konnte allerdings Dänemark nicht nutzen, der dänische Angriff endete im passiven Spiel.

Zwei Minuten vor dem Ende dann noch eine kritische Szene: Der Ball trudelt vom südkoreanischen Block ins Tor-Aus, die Torfrau der Koreanerinnen ist der Meinung, dass sie den Ball berührt hat, die Schiedsrichter entscheiden auf Ballbesitz Dänemark. Wenig später scheitert Südkorea mit einem unvorbereiteten Freiwurf, Katrine Fruelund kann die zwischenzeitliche Führung der Südkoreanerinnen noch zweimal ausgleichen, das Spiel wird im Glücksspiel Siebenmeterwerfen entschieden.

Glücksspiel Siebenmeter-Werfen

Dass Schiedsrichter im Handball einen großen Einfluss auf das Spiel und auch das Ergebnis haben können, liegt an der großen Zahl an Entscheidungen und an dem großen Spielraum, welchen die Regeln hergeben. Bei einem genaueren Blick auf das olympische Finales scheint es allerdings nur schwer feststellbar, dass hier bewusst einseitige Entscheidungen gefällt wurden. Im Falle einer Manipulation wäre es ein Leichtes gewesen, als Schiedsrichter einige technische Fehler oder Passivwarnungen gegen die Däninnen weniger zu pfeifen. Bei der offensiven und auf Zweikämpfe ausgerichteten Abwehr der Südkoreanerinnen hätte man auch einige Strafen mehr verhängen können – und so das Siebenmeterwerfen vermeiden können.

Offensichtlich hatten die Schiedsrichter ihre Schwierigkeiten mit der Bewertung einer derart offensiven Abwehr, allerdings sind in den kritischen Situationen insbesondere zum Ende der regulären Spielzeit kaum ungewöhnliche Tendenzen in der Regelauslegung der Referees feststellbar. Dass Südkorea mit der gezeigten Abwehrarbeit einige Progressionen mehr hatte, ist im Einzelfall nachvollziehbar. Dies erst recht, wenn man das Kampfspiel unter dem Blickwinkel der unterschiedlichen Spielanlagen betrachtet.