15.09.2007 08:20 Uhr - 1. Bundesliga - Ole Rosenbohm

Renate Wolf schanzt Oldenburg Favoritenrolle zu

Die Bundesliga-Handballerinnen des VfL Oldenburg werden in ihrem vierten Spiel der Saison 2007/08 das erste Mal so richtig gefordert. Noch vor zwei Wochen hätten selbst die VfL-Anhänger diese Aussage ins Reich der Träume abgetan, einen Tag vor der Heimpartie gegen Vizemeister Bayer Leverkusen (Samstag, 16.30 Uhr, EWE Arena) ist sie aber Realität. Eine völlige Untertreibung muss es deshalb nicht sein, wenn Renate Wolf, die Trainerin von Bayer Leverkusen feststellt: "Nach der Papierform ist der VfL leichter Favorit."

Hinter dem Einsatz der Leverkusenerin Michael Seiffert steht ein FragezeichenHinter dem Einsatz der Leverkusenerin Michael Seiffert steht ein Fragezeichen
Quelle: sportseye.de
Der Auftaktniederlage Bayers bei der TSG Ketsch zum Trotz: Ganz so leicht werden die Gäste ihre Rolle als Ausnahmemannschaft in der Ersten Liga nicht los. Mit nur vier Zugängen startete Leverkusen in die Serie - abermals baute die auf Kontinuität setzende Wolf auf bisher Erreichtem auf. Das Gros des Teams war also in den vergangenen zwei Jahren dabei, als es in vier Partien gegen den VfL vier Siege mit einer Gesamtdifferenz von 40 Toren erreichte. Beeindruckenden Tempohandball dürften die Beobachter dieses Mal aber auch von den Oldenburgerinnen erwarten.

Machen die Zahlen vergangener Jahre Gastgeberinnen wenig Hoffnung, verhält sich dies anders mit der Personalsituation: Während Oldenburg mit dem zuletzt so erfolgreichen Kader auflaufen kann, hat sich in Leverkusen ein Grippevirus breit gemacht, der den Einsatz von Gesine Paulus, Michaela Seiffert und Lena Knipprath in Frage stellt.

Auch bedrückt Wolf, dass Neuzugang Laura Steinbach (von DJK MJC Trier), die Nachfolgerin von Welthandballerin Nadine Krause (ging zum FC Kopenhagen) auf der linken Rückraumposition, noch nicht wirklich fit ist. "Wir müssen und werden nach sechs tollen Jahren ohne Nadine auskommen. Das Spiel ist eine wichtige Standortbestimmung", sagt Wolf, die zudem feststellt: "Auch in der vergangenen Serie haben wir das erste Spiel verloren. Die Meisterschaft entscheidet sich erst später."

Krowicki hofft auf viele Anhänger

Kollege Krowicki hofft derweil auf die Oldenburger Zuschauer. "In so einem Spiel brauchen wir das Publikum mehr denn je", sagt der Trainer, der beim 31:20-Sieg am Mittwoch bei der HSG Sulzbach/Leidersbach ein weiteres Mal registrierte, dass seiner Mannschaft "Powerhandball" über 60 Minuten gelingt. "Wir haben zwar einiges verworfen, doch das lag bestimmt auch an der langen Fahrt", sagt er und bemerkt: "Gegen Leverkusen müssen wir nicht anreisen, oder?"

Mit 8, 16 und 11 Toren Vorsprung hat das Team von Trainer Leszek Krowicki seine Spiele bis jetzt gewonnen, die erstmalige Tabellenführung seit dem ersten Spieltag der Saison 1986/87 erreicht und den bisherigen Startrekord von drei Siegen (Saison 85/86 und 88/89) eingestellt.

Blick zurück: Zweimal schon 6:0 Punkte für den VfL

Krowicki ("Ich bin unheimlich gespannt, wie wir uns gegen eine solche Spitzenmannschaft schlagen") und seine aktuelle Mannschaft könnten sich mit einem Sieg mit Nachdruck für ein Kapitel in die VfL-Chronik empfehlen. Den ersten Versuch, vier Siege zum Auftakt zu landen, hatte der VfL 1985 unternommen. Nachdem das damalige Team von Trainer Robert Schumann im zweiten Jahr der eingleisigen Bundesliga am 21. September zunächst Jarplund Weding mit 21:17 nach Hause geschickt hatte, erreichte der Pokalsieger von 1981 auch in fremden Halle Erfolge: Bei RW Auerbach (28. September 1985) gewannen Rita Forst (damals Köster), Maike Balthazar (Becker) und Co. mit 23:18, beim späteren Vizemeister VfL Engelskirchen am 5. Oktober mit 20:16.

Es folgte eine unvergessen gebliebene Partie beim damals so starken Aufsteiger TV Lützellinden. Die Mannschaft von Jürgen Gerlach war im vierten Spiel am 9. November die bessere Mannschaft, führte auch zum Seitenwechsel mit 11:7. Doch in der Pause verletzten Ordner des TVL die Oldenburger Torhüterin Christa Siebert-Bandlow am Rücken. Die Oldenburgerin wurde von einer getragenen Bank unabsichtlich getroffen, musste ins Krankenhaus gebracht werden. Der Protest des VfL hatte keine Wirkung, der 22:20-Sieg Lützellindens blieb bestehen. "Lützellinden war die bessere Mannschaft, die hätten auch ein Wiederholungsspiel gewonnen", gibt Siebert-Bandlow heute zu. Meister 1985/86 wurde übrigens Leverkusen, der VfL landete auf Platz drei, Gerlachs Lützellinden wurde Vierter.

Drei Jahre später verhinderte wieder der TVL den vierten Sieg im vierten Spiel. Nach Erfolgen gegen Grün-Weiß Frankfurt (17:15 am 17. September 1988), beim VfL Sindelfingen (18:12/24. September) und daheim gegen den amtierenden Meister VfL Engelskirchen (17:15/1. Oktober) verlor Oldenburg am 8. Oktober in der Brandsweg-Halle gegen die Hessinnen mit 18:22.

Siebert-Bandlow sieht Gemeinsamkeiten in beiden VfL-Mannschaften

Christa Siebert-Bandlow, die heute zusammen mit dem damaligen Abteilungsleiter des VfL, Eberhard Erlebach, live die VfL-Heimspiele im Lokalfernsehen von Oldenburg Eins kommentiert, sieht durchaus Ähnlichkeiten in den VfL-Teams von damals und heute: "Unser großes Plus war der Zusammenhalt. Auch bei uns war nicht immer alles ein einziger Sonnenschein, aber der Sache wegen haben wir uns respektiert. Alle haben an einem Strang gezogen. Heute habe ich wieder das Gefühl, dass beim VfL etwas zusammen wächst. Wenn man dieses zarte Pflänzchen hütet und gießt, kann sich etwas sehr Gutes entwickeln."

Auch handballerisch macht der 1989 zur Ehrenspielführerin des VfL ernannten Torhüterin die aktuelle Mannschaft Freude: "Mir gefällt die gute Abwehrarbeit, mir gefällt der Mittelblock und mir gefällt meine Nachfolgerin im Tor. Tatiana Surkova strahlt Ruhe und Routine aus." Für den Samstag erwartet die Oldenburgerin ein Spiel zweier Mannschaften, die beide den Tempohandball bevorzugen: "Ich freue mich unheimlich auf diese Partie."

Spiekerooger Leidenschaft organisiert attraktives Rahmenprogramm

Neben dem sportlichen Genuss wird in der EWE Arena beim VfL-Spiel gegen Bayer Leverkusen am Samstag um 16.30 Uhr auch im Rahmenprogramm etwas geboten. Wie beim siegreichen Heimspiel gegen den Thüringer HC (36:20) können sich die Zuschauer nach der Partie im Foyer gemeinsam mit den Spielerinnen in einer "Leidenschaftlichen Fotoaktion" ablichten lassen. Zudem präsentiert sich nicht nur der Sponsor des Spiels, das Apart-Hotel "Spiekerooger Leidenschaft" in der Arena.

Auch das im Frühsommer eröffnete Künstlerhaus auf der Nordseeinsel ist im Foyer vertreten. Die Besucher können dort ein großes Mosaik mitgestalten, das zugunsten der "Beluga School for Life" zu einem späteren Zeitpunkt versteigert werden soll. Mit dem VfL auf der Tribüne fiebern wird übrigens Lutz Stratmann, der Wissenschaftsminister des Landes Niedersachsen. Kurz vor dem Spiel wird er in der Halle vor den Zuschauern interviewt, in der Halbzeitpause misst er sich beim Siebenmeterwerfen gegen eine VfL-Torfrau mit weiteren Überraschungsgästen.