15.12.2018 18:00 Uhr - Europameisterschaft - Felix Buß

Heim-Finale, Deckung, Ministerien und Olympia 2024: Frankreichs Coach Olivier Krumbholz im Interview

Olivier KrumbholzOlivier Krumbholz
Quelle: sportseye.de
Abwehr ist Trumpf bei der französischen Nationalmannschaft. Auf dieser Grundlage hat das Team des Gastgeberlandes, der amtierende Weltmeister, bei der EURO 2018 das Endspiel erreicht und trifft dort am Sonntag auf Olympiasieger Russland. Felix Buß sprach vor der Partie mit Nationaltrainer Olivier Krumbholz über den erfolgreichen Weg, den er mit der Equipe Tricolore geht, und darüber, worauf es auf seiner Sicht ankommt um erfolgreich zu sein - auch in Zukunft, denn es laufen schon erste Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris, und Weichenstellungen sind nötig.

Herr Krumbholz, die französische Nationalmannschaft steht gegen Russland im Finale der EURO 2018. Was ist aus Ihrer Sicht der Schlüssel zum Sieg?

Olivier Krumbholz:
Wir müssen etwas schaffen, was in diesem Turnier noch niemandem gelungen ist: Vyakhireva in den Griff zu bekommen. Wir wissen noch nicht genau, wie wir das anstellen werden. Wir haben vier oder fünf Optionen dafür.

Man kann nicht über sechzig Spielminuten an derselben Deckungsformation festhalten, das ist nicht möglich. Vyakhireva ist zu stark, sie wird sich darauf einstellen. Wir werden zwei oder drei Optionen organisieren, die wir ziehen können. Diese werden wir von Mal zu Mal einsetzen.

Die Deckung ist bei der EURO 2018 das Prunkstück Ihrer Mannschaft. Wie hat ihre Mannschaft diesen Punkt der Perfektion erreicht?

Olivier Krumbholz:
Man kann besser Abwehr spielen, als wir das tun. Aber es ist richtig, dass uns das gut gelingt. Wir arbeiten viel an unserer Abwehr. Es ist viel Präzision gefragt. Die französischen Spielerinnen haben eine große Qualität und lernen sehr schnell.

Wir sind sehr gut darin, tief zu spielen und die Bälle zu antizipieren. Wir haben Spielerinnen in unserem Kader, die Spezialistinnen im Abfangen von Bällen sind, beispielsweise Estelle Nze-Minko. Das Herz der Mannschaft, das ist die Abwehr.

Ich wähle tatsächlich Spielerinnen aus, die sehr gut in der Abwehr sind. Wenn eine Spielerin nicht abwehrstark ist, gibt es keinen Weg für sie in der Equipe Tricolore.

Für Sie ist die Abwehr das Wichtigste im Handball?

Olivier Krumbholz:
Absolut. Wenn man gut in der Abwehr ist, gewinnt man in der Abwehr Bälle und kann schnell nach vorne spielen. Die Abwehr und der Gegenstoß machen einen großen Teil unseres Erfolgs aus.

In Ihrer Mannschaft gibt es, ähnlich wie bei der SG BBM Bietigheim, verschiedene Rollen, Ministerien. Was versprechen Sie sich davon?

Olivier Krumbholz:
Was eine Mannschaft ausmachen muss, ist aus meiner Sicht, was man auf Französisch "La Singularité" nennt (dt. ungefähr "Eigenheit"). Jede Spielerin steuert etwas Bestimmtes zu der Mannschaft bei und genau das soll sie auch beitragen. Das Wichtigste für die Mannschaft ist, dass jede Spielerin etwas mitbringt, was die anderen nicht haben.

Natürlich haben wir eine Kapitänin. Aber wir haben auch eine Abwehrchefin, eine Angriffschefin und sogar eine Mode-Ministerin. Wir müssen ja wissen, was wir anziehen sollen, wenn wir zusammen ausgehen. Wir sind diesen Schritt gegangen, damit sich jede Spielerin wertgeschätzt fühlt und eine verantwortliche Rolle in der Mannschaft hat.

Inwieweit ist es wichtig, den Spielerinnen während eines Turniers auch bestimmte Freiräume zu geben?



Olivier Krumbholz:
Man kann nicht gut spielen, wenn man nicht glücklich im Leben steht. Wir müssen dem täglichen Leben der Spielerinnen Rechnung tragen. Man kann sich in einem Wettbewerb nicht ständig nur auf den Handball fokussieren. Wir müssen Punkte setzen, an denen die Spielerinnen ihr normales Leben leben können.

Im Winter ist es kalt, es gibt wenig Licht. Daher müssen wir privilegierte Momente schaffen und Privatleben zulassen. Sonst können die Spielerinnen nicht über einen Zeitraum von zwei Wochen hinweg konstant ihre Leistung bringen. Wir machen das nach dem Motto "Glücklich im Herz, glücklich auf dem Spielfeld".

Wie finden Sie die Stimmung, die Ihre Mannschaft am Freitag im Halbfinale in der Arena von Paris-Bercy erlebt hat?

Olivier Krumbholz:
Großartig! Die Stimmung trägt uns, sie fühlt sich an wie Rückenwind. Das ist wichtig für uns. Wir sind sehr müde. Dass wir diese Unterstützung von den Zuschauern spüren, das ist wie eine achte Spielerin, wie eine achte Frau, die uns begleitet.

In ihrem Team sind fünf Spielerinnen, die schon über 200 Mal für Frankreich gespielt haben. Was denken Sie über die Zukunft der Mannschaft?

Olivier Krumbholz:
Ich sehe die Zukunft positiv. Wir haben viele gute junge Spielerinnen in Frankreich. Wir investieren viel in ihre Ausbildung. Wir bauen da auf regionale Strukturen. Wir arbeiten hart daran, die Spielerinnen individuell auszubilden. Wir haben dabei mit Paris 2024 ein außergewöhnliches Entwicklungsziel, das wir bereits jetzt verfolgen.

Es ist viel von der guten Physis der französischen Mannschaft zu hören. Woher kommt sie aus ihrer Sicht?

Olivier Krumbholz:
Wir haben in Frankreich den Vorteil, dass viele Sportlerinnen schon gute körperliche Voraussetzungen mitbringen und dass wir den gesellschaftlichen Mix auch im Sport haben. Dieser Mix ist unser größter Vorteil, weil die farbigen Spielerinnen eine sehr gute körperliche Konstitution haben. Das ist ein Angelpunkt in unserer Strategie, in unserem Projekt. Wir müssen aber auch an unserer Ausbildung arbeiten, um uns weiter zu verbessern.

Sind Sie zufrieden mit den Spielanteilen der französischen Nachwuchstalente in der französischen ersten Liga?

Olivier Krumbholz:
Ja. Wir haben uns ein Regelwerk auferlegt, das besagt, dass wir unsere Spielerinnen auf professionellem Niveau regional ausbilden und verhindert, dass die Vereine zu viele Spielerinnen aus dem Ausland holen. Daher spielen die besten französischen Spielerinnen, und sie arbeiten hart dafür, in der ersten Liga.

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