12.12.2018 11:05 Uhr - Europameisterschaft - Felix Buß

Debbie Klijn im Interview Teil 2: "Es ist unsere große Stärke, dass wir als Mannschaft auftreten können"

Debbie KlijnDebbie Klijn
Quelle: sportseye.de
Debbie Klijn erhielt im Januar dieses Jahres die Zusage des DHB, Nationaltrainerin der Torhüter zu werden. Seither sind elf ereignisreiche Monate vergangen, in denen sie Kontakte zum Nachwuchs und der Liga knüpfte und diese mit Leben füllt. Dabei steht für Klijn, die im Jahr 1999 als 23-Jährige zum TSV Bayer 04 Leverkusen gewechselt war und danach bis 2011 fast durchweg in der Bundesliga im Tor stand, das offene Wort im Mittelpunkt - und die mentale und sportliche Unterstützung, sodass die Spielerinnen, bei der EM Dinah Eckerle und Isabell Roch, ihre eigenen Ziele erreichen können.

Die A-Nationalmannschaft als Stichwort: Sie haben gestern gesagt, dass Dinah Eckerle die mentalen Fragestellungen für sich gelöst habe. Welchen Eindruck hat sie im Spiel gegen Ungarn hinterlassen?

Debbie Klijn:
Zunächst, das war kein einfaches Spiel. Man muss auch sehen, dass wir die zweitjüngste Mannschaft der Europameisterschaft sind. Wenn man zum Beispiel die drei wichtigsten Rückraumspielerinnen der Niederlande betrachten würde, haben diese drei Mal so viele Länderspiele wie unsere Mannschaft insgesamt. Das sagt natürlich auch schon etwas aus.

Dinah ist eine Spielerin, die - klar - schon Erfahrung hat. Sie hat ja auch schon einige Länderspiele absolviert. Aber diese Rolle, die Nummer eins im Tor im Nationalteam zu sein, ist neu für sie. Am Anfang des Turniers hat sie sich selbst viel zu viel Druck auferlegt. Das ist ganz normal. Jeder möchte sein Bestes geben und seine Rolle ausfüllen. Aber das ist natürlich eine mentale Sache.

Gegen Tschechien hat Dinah ein richtig gutes Spiel gemacht, gegen Spanien auch wieder. Gegen Ungarn war das nicht ganz so einfach. Die Mannschaft war auch von der Abwehr her nicht immer da, wo sie sein sollte. Wir haben viele Tore von außen kassiert. Trotzdem hat Dinah eine gute Balance gefunden, auch wenn sie sich nicht oft auszeichnen konnte. Isabell hat am Ende ihre Aufgabe auch gut erfüllt. Die Torhüterinnen hätten uns gegen Ungarn fast noch das Spiel gerettet!

Nun geht es am Mittwoch gegen die Niederlande. Was macht diese Mannschaft stark, abgesehen von der reinen Anzahl an Länderspielen?

Debbie Klijn:
Sie spielen seit acht bis zehn Jahren in dieser Formation zusammen. Sie haben in der Jugend angefangen, bei jedem Turnier zusammenzuspielen. Man merkt, dass sie eine zusammengeschweißte Truppe sind. Sie vertrauen gegenseitig auf ihre Stärken.

Das hat man auch in deren erstem Hauptrundenspiel gegen Rumänien gesehen, als die Kapitänin Nycke Groot ausgefallen ist. Es ist völlig klar, wer in dieser Mannschaft dann das Zepter übernimmt. Das muss nicht erst überlegt werden und es hat niemand Angst, kann ich das? Darf ich das? Sie sind viel weiter als wir. Sie haben schon einige Male ein Finale gespielt, sie haben schon Olympische Spiele zusammen bestritten. Das ist ein großer Vorteil für sie.

Sie spielen natürlich auch im Verein international, in der Champions League. Bei uns spielt hingegen nur eine Spielerin im Ausland. Diesen Unterschied sieht man, auch bei unseren Torhüterinnen. Sie werden nicht jede Woche auf internationalem Niveau gefordert in dem Sinne, dass da ein Kaliber auf sie zukommt wie hier bei der EM. Wie soll man das, innerhalb von zwei, drei Wochen, "mal eben" lernen? Das müssen wir aber erreichen, dass unsere Nationalspielerinnen dazu in der Lage sein werden.

Wie kann das aus Ihrer Sicht erreicht werden?


Debbie Klijn:
Entweder muss es in der deutschen Liga eine bessere Ausbildung geben, oder aber die Spielerinnen müssen Schritte machen, um selbst besser zu werden.

Was kann die deutsche Mannschaft trotz dieser aktuell empfundenen Nachteile am Mittwoch den Niederlanden entgegensetzen?

Debbie Klijn:
Das, was wir die ganze Zeit bei der EM schon gezeigt haben: Das sind Einsatz, Leidenschaft, Wille und was alles dazugehört. Es ist unsere große Stärke, dass wir als Mannschaft auftreten können. Ich habe mitbekommen, dass einige andere Teams schon Respekt vor uns gewonnen haben. Die wissen, dass wir eine Mannschaft sind, die nie aufgeben. Das haben wir schon ein paarmal gezeigt. Wenn wir unser Ding durchziehen, können wir den Niederlanden das Leben schon schwermachen.

Sicher ist ihr Auftreten auch davon abhängig, wie ihre Spiele ausgehen. Es ist das letzte Spiel der Hauptrunde. Da ist noch alles drin. Wenn die Niederlande am Dienstag gegen Norwegen verlieren, müssen sie gegen uns gewinnen, 24 Stunden später. Wir sind uns klar: Wir füllen unsere eigenen Stärken mit Leben. Die Basis muss stimmen.

Gibt es schon einen Weg nach dieser Europameisterschaft, wie es weitergeht, Richtung Tokio 2020?

Debbie Klijn:
Wir müssen zunächst alles analysieren, was bei dieser Europameisterschaft gelaufen ist, was gut und was nicht so gut gelaufen ist. Das ist wichtig. Davon können wir alle nur lernen. Danach wird das Konzept für 2019 ausgearbeitet. Das Ziel ist, im nächsten Dezember wieder bereit zu sein. Für Olympia sind wir noch nicht so weit. Uns ist klar, dass eine möglichst gute EM-Platzierung Vorteile bei der Olympia-Qualifikation bringen würde. Aber zunächst einmal haben wir das Ziel für diese EM, den Einzug in die Hauptrunde, erreicht. Darauf müssen wir weiterarbeiten und schauen, was die Entwicklung im nächsten Jahr bringen wird.