09.12.2018 11:11 Uhr - Europameisterschaft - Felix Buß

Alicia Stolle: "Letztendlich steht die Teamaufgabe im Mittelpunkt"

Alicia StolleAlicia Stolle
Quelle: sportseye.de
Alicia Stolle ist im Dress des Thüringer HC eine bekannte Größe und auch in der Nationalmannschaft hat sie ihren Platz gefunden. Wir trafen beim Medientag nach dem Spiel gegen Spanien auf eine sehr fokussierte und selbstreflektierte Athletin.

Der Sieg gegen Spanien ist noch in aller Munde. Wie kam es aus deiner Sicht, dass ihr so ein gutes Spiel abgeliefert habt?

Alicia Stolle:
Ich denke, sehr wichtig war dieses Gefühl "Ja, wir sind in der Hauptrunde, und jetzt können wir befreit aufspielen!". Ich denke, das haben wir besonders in der ersten Halbzeit gezeigt. Da war besonders die Abwehr bärenstark. Dadurch konnten wir das Tempo mit nach vorne nehmen und hatten auch eine gewisse Sicherheit im Angriffsspiel.

Ich gehe davon aus, dass Henk Groener nach dem Spiel euch gegenüber seine Zufriedenheit deutlich gemacht hat. Was hat er euch nach dem Abpfiff gesagt?

Alicia Stolle:
Er hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie wichtig und gut es ist, wenn wir uns auf uns konzentrieren und wenn wir unser Spiel denen auch aufzwingen. Ich denke, dass er besonders mit der Abwehr in der ersten Halbzeit zufrieden war und dass wir das auch gegen Ungarn zeigen müssen.

Ist das so ein bisschen das Credo, dass jede Spielerin ihre Aufgaben erfüllt und dann läuft das?


Alicia Stolle:
Nein. Ich denke eher, dass es dieser Team-Plan ist, den wir haben, den die Mannschaft auch zeigen muss. Natürlich denkt sich jede Spielerin, was ihr Anteil am Erfolg sein kann und man besinnt sich auch ein wenig auf seine Aufgaben. Aber letztendlich steht die Teamaufgabe im Mittelpunkt. Da versuchen alle alles zu geben und das zu erfüllen.

"Team" heißt hier, dass man auf ziemlich engem Raum über längere Zeit zusammen ist und auch nicht unbedingt die Chance auf Ablenkung hat. Wie ist das für dich?

Alicia Stolle:
(schmunzelt) Hier um das Teamhotel, außerhalb von Nancy, ist ja leider nicht so viel. Wir konnten noch nicht ins Zentrum fahren, vielleicht ist es einmal möglich, wenn wir nach dem Ungarnspiel zwei Tage ohne Wettkampf haben. Aber ich denke, dass wir alle sehr gut untereinander klarkommen. Wir machen ja auch abends was zusammen oder man sitzt mal mit den Physios zusammen. Das ist nicht das Problem. Ich denke, dass das unser Team auch ein Stück weit ausmacht, dass wir noch keinen Lagerkoller haben oder etwas ähnliches. Das ist alles entspannt.

Was machst du in der wenigen Freizeit, die hier während des Turniers bleibt?

Alicia Stolle:
Das ist total unterschiedlich. Man muss sich ja auch noch Videoszenen anschauen. In der Vorrunde in Nantes haben wir im Hotel abends haben wir gemeinsam mit den anderen Mädels die Spiele angeschaut oder Karten gespielt. Wenn ich mal alleine auf dem Zimmer bin, habe ich schon mal eine Serie angeschaut. Wenn mal Zeit bleibt, versuche ich auch noch ein bisschen fürs Studium zu lernen. Aber das geht ein bisschen unter hier. Der Fokus liegt eben bei der EM auf dem Handball und das soll ja auch so sein.

Du versuchst also sogar noch während einer Europameisterschaft Zeit für dein Studium aufzubringen?

Alicia Stolle:
In gewissem Maße! Es ist eigentlich meistens weder die Zeit noch der Kopf dafür da! Aber wenn da mal etwas Freiraum ist und es sich gut anfühlt, dann setzt man sich halt mal eine Stunde hin und lernt. Aber es ist natürlich sehr schwierig. Aber es ist auch einfach mal gut um hier mal einige Zeit rauszukommen und um den Kopf mal ein bisschen freizubekommen.

Was studierst du genau?

Alicia Stolle:
Ich bin in einem Masterstudiengang für Psychologie.

Das gibt sicherlich interessanten Input für dich als Teamsportlerin?

Alicia Stolle:
(lacht) Das Schwierige ist immer, das Gelernte auf sich selber anzuwenden. Man kann immer vielen Leuten Ratschläge geben, aber sich selber macht man trotzdem den Druck und ist dann verkrampft, obwohl man weiß, man soll locker sein.

"Locker sein" ist ein gutes Stichwort. Wie schaffst du es denn, während des Spiels locker zu sein? Brauchst du dafür zum Beispiel erst ein paar gute Momente wenn du ins Spiel reinkommst?

Alicia Stolle:
Ich bin jemand, der sich selbst sehr viel Druck macht. Es gibt mir ein gutes Gefühl, dass Henk immer sagt, wir sollen locker sein, befreiter aufspielen. Wenn man nicht gut in ein Spiel startet, direkt einen Fehlversuch hat und Fehler macht, ist es immer schwierig, da schnell rauszukommen. Aber ich denke, jetzt, wo wir in der Hauptrunde befreiter aufspielen können als noch in der Gruppenphase der EM, wird es einfacher, als wenn man den Druck von außen zu sehr spürt.

Apropos "nicht gut ins Spiel starten". Henk Groener hat deswegen gegen Tschechien ziemlich früh eine Auszeit genommen und hat euch ein paar Dinge mitgegeben. Wie findest du seine Ansprache?

Alicia Stolle:
Ich empfinde sie als sehr angenehm. Ich finde es gut, dass er immer sehr ruhig bleibt und die Schwachpunkte konkret anspricht. Damit kann man als Spielerin sehr gut umgehen. Er versucht immer das Beste herauszuholen. Wenn es dann beispielsweise gegen Tschechien in der ersten Viertelstunde gar nicht funktioniert, schafft er es, uns mit ruhigen Worten wieder auf den Weg zu bringen. Allgemein ist die Unterstützung einfach super. Auch die medizinische Abteilung und die Physiotherapeuten geben wirklich jeden Tag alles. Auch was das Videostudium mit ?ukasz (Kalwa, Anm. d. Red.) angeht, sind wir super ausgestattet. Da haben wir große Pluspunkte.

Das heißt, es kann für euch auch gegen Ungarn entspannt weitergehen?

Alicia Stolle:
Wir denken einfach von Spiel zu Spiel. Jetzt steht Ungarn auf dem Plan. Da gucken wir einfach, was möglich ist. Wenn wir unsere Leistung, unser Spiel, zeigen, dann ist da alles möglich. Und wenn wir die zwei Punkte haben, dann ist noch viel mehr möglich (schmunzelt).

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