31.03.2007 20:34 Uhr - 1. Bundesliga - Felix Buß - hbvf.de

Bittere 30:31-Niederlage gegen HCL besiegelt Göppinger Abstieg

Die 23 Paraden von Mami Tanaka reichten am Ende nichtDie 23 Paraden von Mami Tanaka reichten am Ende nicht
Quelle: Holger Dach
Über 60 Minuten kämpften beide Teams um den Sieg, am Ende hatte der HC Leipzig das Glück auf seiner Seite und schickt dadurch die Frisch Auf Frauen nach nur einer Saison wieder in die zweite Liga. Zweiter Absteiger ist Dortmund. Die Gastgeberinnen haderten bei der Niederlage auch mit einigen unglücklichen Entscheidungen des Schiedsrichtergespanns, durch die sich die Göppingerinnen in der Schlußviertelstunde benachteiligt fühlten. Letztendlich ermöglichten jedoch viele Ballverluste der Göppingerinnen immer wieder leichte Wurfmöglichkeiten für Leipzig. Im Mittelpunkt der Partie standen auf beiden Seiten die Torhüterinnen, wobei die Schwaben mit 23 Paraden von Mami Tanaka (Gainskyte 18) sogar die bessere Spielerin in ihren Reihen hatten. Im Angriff reichten insgesamt 19 Treffer von Vojtiskova und Fritz nicht aus. „Göppingen hat wieder sehr schnell und frech und mit viel Herz gespielt“, zollte Morten Arvidsson dem Absteiger Respekt, der Leipzig trotz allem am Ende fast am Rande einer Niederlage hatte. „Die Rückkehr in die erste Liga halte ich für sicher. Wir wollten uns fair verhalten und auch heute unsere beste Leistung bringen, letzteres ist uns heute nicht gelungen.“

Die Leipzigerinnen, bei denen nach wie vor Stammkeeperin Chana Masson (Bandscheibenvorfall) und Spielmacherin Rikke Nielsen (Fußverletzung) fehlten, begannen nervös und leisteten sich viele Ballverluste. Getragen von zwei von Mami Tanaka entschärften Bällen, waren es daher die Frisch Auf Frauen, die mit viel Tempo und Engagement das 2:0 vorlegten. Gute Abwehrarbeit und provozierte Ballverluste auf beiden Seiten prägten die nervöse Startphase, in der Leipzig erst nach fünf Minuten langsam ins Spiel fand und kurz darauf mit dem 4:5-Treffer von Solie-Lybekk erstmals die Führung errang. Bei Göppingen fiel im Angriff vor allem Alena Vojtiskova auf, die vier der ersten sechs Treffer beisteuerte und neben Tanaka den größten Anteil daran hatte, dass die Partie auch bei eigener Unterzahl weiter ausgeglichen verlief.
  
In Überzahl liegend schlich sich nach einer Viertelstunde jedoch ein kleiner Bruch ins Spiel des Tabellenletzten. Kudlacz und Ulbricht brachten den HCL mehrfach auf zwei Tore Abstand, Göppingen hielt aber durch agil vorgetragene Angriffsspiele weiter Anschluss. Nach 25 Minuten lagen die Gastgeberinnen, die für den Klassenerhalt unbedingt einen Sieg brauchten, selbst wieder in Front, da Jessica Schulz in dieser Phase mit guten Anspielen glänzte und auch Breiderts Treffer zum 13:12 vorbereitete.

Sicher hemmte in dieser Phase auch der Schock nach der Verletzung der starken Karolina Kudlacz das Leipziger Spiel. Nach einem Schlag gegen die Schläfe ging die polnische Nationalspielerin zu Boden und musste, da der Blutdruck stark absackte, mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. "Jetzt warten wir die Diagnose ab", sagte HCL-Manager Kay-Sven Hähner. Radzeviciute holte die HCL-Führung jedoch mit einem Doppelpack zurück und da Dangel einen Strafwurf an Gainskyte vergab, ging Leipzig mit einer knappen 14:15-Halbzeitführung in die Kabine.
  
Die zweite Hälfte begann, wie die erste aufgehört hatte. Die 2.200 Zuschauer bekamen spannenden Handball zu sehen, wenn auch technisch nicht immer auf hohem Niveau. Wieder startete Göppingen besser, Schulz und Fritz brachten den 16:15-Vorsprung. Die HCL-Abwehr hatte sich nun jedoch besser auf Vojtiskova eingestellt, die die nächsten beiden Bälle nicht verwerten konnte. Stattdessen schwappte die Führung nach Treffern von Ulbricht und Sorlie-Lybekk wieder zu den Gästen, da Radzeviciute fast nach Belieben Regie führte. Wieder lief Göppingen einem Rückstand hinterher, Dangel stellte beim 19:19 (37.) aber den erneuten Ausgleich her. Zwei schwache Göppinger Würfe verhinderten eine mögliche Führung, Mami Tanaka parierte einen Strafwurf von Nora Reiche und verhinderte zunächst einen größeren Rückstand.
  
Nach 40 Minuten ging die meist fair geführte „Schlacht“ dann in ihre kritische Phase. Vojtiskova setzte den Anschlusstreffer zum 20:21, bei HCL-Spielerin Reiche sahen die Schiedsrichter im folgenden Angriff ein Stürmerfoul, dann wurde gegen die gehaltene Martina Fritz auf Freiwurf Leipzig entschieden, Sorlie-Lybekk verwertete zum 20:22. Immer wieder entschieden die beiden Schiedsrichter nun im Zweifel gegen Göppingen, verhängten nach kurzer Zeit passives Spiel; der Absteiger verlor die Nerven, die Würfen wurden zur leichten Beute der Leipziger Torfrau. Nach knapp 47 Minuten war es dann Radzeviciute, die das vorentscheidende Tor zum 20:25 warf.
  
Doch Göppingen gab sich auch angesichts des zu diesem Zeitpunkt recht deutlichen Rückstands nicht auf. Vojtiskova und Fritz brachten Göppingen mit drei schnellen Toren wieder auf 23:25 heran. Tanaka parierte danach zwei Würfe, Fritz verkürzte auf 24:26 (51.) und Munteanu stellte mit einem Gegenstoß wiederum den Anschluss her. Noch waren knapp acht Minuten zu spielen, die Partie schien wieder offen. Der amtierende Meister schien zu diesem Zeitpunkt nervös, musste im Angriff lange arbeiten und fand keine Lücke, da Göppingen sich auf Radzeviciute eingestellt hatte. Dennoch war sie es, die Leipzig nach dem zwischenzeitlichen 27:27-Ausgleich von Vojtiskova (54.) per Strafwurf wieder in Front brachte.
  
In der dramatischen Schlussphase konnte sich dann vor allem Gainskyte nochmals auszeichnen. Sie hielt die flach geworfenen Göppinger Bälle fast sämtlich, darunter auch den zweiten Strafwurf der vom Feld mit neun Treffern hoch erfolgreichen Martina Fritz und ermöglichte Solie-Lybekk das 28:30, als noch zweieinhalb Minuten zu spielen waren. Anschließend sorgten erneut die Schiedsrichter für Aufsehen, die Breidert den Vorteil und den Anschlusstreffer abpfiffen, und zum Unmut der Göppinger Fans auf der Gegenseite bei Leipzig auf Siebenmeter entschieden. Carina Fuchs hielt zwar ihren Kasten sauber, doch brachte Radzeviciute den Ball im nächsten Angriff zum 28:31 (60.) unter, da Simona Munteanu beim Pass gehalten worden war und den Ball verloren hatte. Göppingen blieb in den letzten 40 Sekunden lediglich noch die Ergebniskorrektur auf 30:31.
  
Göppingens Coach Hagen Gunzenhauser wollte den Schiedsrichtern nach der Partie keinen Vorwurf machen: "Wir hatten den Klassenerhalt vor diesem Spiel und auch bereits vor der Partie in Dortmund verspielt, denn aus den Partien gegen Ketsch und Blomberg haben wir nur einen von acht möglichen Punkten geholt. In diesen wichtigen Spielen hat uns die nötige Coolness und Routine gefehlt, um unsere Leistung, die wir zweifelsohne bringen können, auf die Platte zu bringen. Ich bin heute stolz auf die Leistung meiner Mannschaft, es ist nicht selbstverständlich, dass wir ein Spiel gegen den amtierenden Meister fast bis zum Ende offen gestalten können." Nach Ostern will der Absteiger den Blick auf das Pokal-Halbfinale gegen den - nach eigenem Bekunden - "Lieblingsgegner" Buxtehude (27.4. in Riesa) schärfen: "Da wollen wir noch einmal zwei Wochen Vollgas geben."

Mit von der Partie in Riesa ist auch dann wieder Leipzig und HCL-Trainer Morten Arvidsson signalisierte bereits: "Wir spielen im Finale gern gegen Göppingen. Aber wenn man Pokalsieger werden will, muss man alle schlagen." Bei den Schwaben ist einem Überraschungscoup, der Verpflichtung von Alex Gräfer im Tor bis 2009, bereits der erste Schritt für einen Aufwärtstrend in der neuen Saison getan. "Wir wollen uns weiter stabilisieren. Sofort vom ersten Spieltag an wollen wir den Wiederaufstieg in Angriff nehmen", versprach Gunzenhauser den Fans.
  
  Stimmen zum Spiel:
  
Morten Arvidsson, HC Leipzig:
„Göppingen hat heute wieder sehr schnell und frech gespielt und mit viel Herz. Wir haben viele Probleme mit verletzten Spielern, wollten fair sein und auch heute unser Bestes bringen. Letzteres ist uns heute nicht gelungen. Göppingen hat uns die ganze Zeit unter Druck gesetzt. Die Rückkehr in die erste Liga halte ich für sicher. Jetzt sehen wir uns in Riesa im Finale und dort werden wir sehen, wie wir uns schlagen. Wir haben aus der letztjährigen Meistermannschaft nur sechs Spieler, die sieben Neuen aber gut integriert. Wenn wir jetzt Pokalsieger und wieder Meister werden wollen, müssen wir alle schlagen. Bei den Meisterplayoffs haben wir mit Leverkusen einen Gegner, den wir in dieser Runde schon dreimal geschlagen haben.“
  
Hagen Gunzenhauser, FA Frauen:
„Ich bin stolz auf die heutige Leistung meiner Mannschaft. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir ein Spiel gegen den amtierenden Meister Leipzig fast bis zum Ende offen halten können. Den Abstieg will ich nicht am Spiel in Dortmund oder heute festmachen. Wir waren in vielen Partien gleichrangig, hatten Leverkusen am Rande einer Niederlage. Aber gerade gegen die Konkurrenten haben wir oft schlecht ausgesehen. Wir haben gegen Ketsch und Blomberg nur einen von acht möglichen Punkten geholt. In diesen Spielen haben uns die nötige Coolness und Erfahrung gefehlt, unsere Leistung, die wir zweifellos haben, auf die Platte zu bringen. Wir haben über die Saison das Team stabilisieren können, am Ende hat es jetzt aber nicht ganz gereicht. Wir haben die Härte und Schnelligkeit der Liga erlebt und haben uns diese Spielweise angeeignet. Damit haben wir nun in der zweiten Liga einen großen Vorteil. Wir nehmen vom ersten Spieltag an den Wiederaufstieg in die erste Bundesliga in Angriff. Jetzt vor dem Final Four in Riesa sind meine Spielerinnen natürlich ausgelaugt. Daher wollen wir es um Ostern erst einmal etwas langsamer angehen lassen. Dann jedoch wollen wir nochmal zwei Wochen Vollgas geben. Ich habe vorhin schon mit Morten geredet, er solle uns heute gewinnen lassen und wir revanchieren uns dann im Pokalfinale. Das hat aber leider nicht geklappt. Der Abstieg hat für uns auf den ersten Blick einen negativen Beigeschmack, aber wir wollen weiter an uns arbeiten. Auch aufgrund ihrer Erfahrung ist daher so eine Spielerin wie Alex Gräfer für uns wichtig. Die wollte ich unbedingt haben.“
  
Manager Thomas Pientka zur Verpflichtung von Alex Gräfer:
„Sie zieht nach Ulm zu ihrem Freund und hat sich für die Liebe entschieden. Wir hoffen natürlich, dass sie auch in der zweiten Liga weiter in der Nationalmannschaft berücksichtigt wird. Ich habe schon länger Gerüchte gehört, dass sie in den Süden will und bin dann drangeblieben, habe SMS geschrieben und ihr erzählt, wie toll es in Göppingen ist. Sie hat für zwei Jahre bei uns unterschrieben. Die brennt, die will was mit uns reißen!“