04.12.2017 15:10 Uhr - Weltmeisterschaft - Felix Buß

Leszek Krowicki: "Müssen gegen Ungarn alles investieren"

Leszek KrowickiLeszek Krowicki
Quelle: Michael Heuberger
Das polnische Nationalteam war mit einem 33:30-Sieg gegen Schweden sensationell gut in die Weltmeisterschaft gestartet. Nur 14 Stunden nach dem Abpfiff dieser Partie musste die Sieben von Leszek Krowicki, dem früheren Trainer des VfL Oldenburg, dann gegen Tschechien antreten. 40 Minuten dominierte die "Druzyna" das Spiel, dann übernahm der Gegner das Zepter und fuhr die zwei Punkte ein. Wir haben mit Leszek Krowicki nach den Gründen für den 1:7-Lauf zwischen der 40. und der 50. Spielminute gesucht und erhielten Einblicke in die Entwicklung und den momentanen Stand der Mannschaft.

Leszek Krowicki, es ist der dritte Tag der Weltmeisterschaft. Fühlt sich Ihr Team hier in Süddeutschland wohl?

Leszek Krowicki:
Wir fühlen uns gut! Wir schätzen natürlich alles, was man hier organisiert hat. Wir schätzen diesen deutschen Perfektionismus. Man merkt, dass sie Erfahrung im Organisieren haben. Ich persönlich, aber auch meine Spielerinnen, sind sehr begeistert und zufrieden, dass die Arena in Bietigheim-Bissingen fast immer ausverkauft ist. Ich habe schon Weltmeisterschaften, zum Beispiel in Russland 2005, erlebt, bei denen man die Zuschauer persönlich begrüßen konnte. Die allgemeinen Bedingungen gefallen uns also gut. Insofern ist alles okay.

Die letzten 20 Spielminuten gegen Tschechien am Sonntag waren für das Team vermutlich sehr schmerzhaft...

Leszek Krowicki:
Ja, wir sind heute ein wenig enttäuscht. Gegen Schweden haben wir am Samstag ein super Spiel gemacht. Am Sonntag hatten wir gegen Tschechien nach 40 Minuten noch fünf Tore Vorsprung inne. Wir haben diesen Vorsprung dann innerhalb der nächsten zehn Minuten verspielt. Das beeinflusst momentan unsere Gefühle und die Antwort auf die Frage, ob wir uns wohlfühlen.

Haben Sie schon analysiert, was gegen Tschechien passiert ist, dass Polen in diesen negativen 1:7-Lauf geraten ist?

Leszek Krowicki:
Ja. Die Analyse ist ganz einfach: Wir haben es zwischen dem ersten und dem zweiten Spiel nicht geschafft, innerhalb von 14 Stunden unsere physischen und mentalen Kräfte zu regenerieren. Das ist uns nicht gelungen. Dieser Abstand war sehr kurz. Das Spiel gegen Schweden, das wir ja für uns entscheiden konnten, hat uns nicht nur Kraft gekostet. Es ist auch mental eine unheimlich schwere Aufgabe. Diese Mischung an Kraftverlust innerhalb von 14 Stunden zu kompensieren und wieder auf das Niveau des Spiels gegen Schweden zu kommen, das war schwierig. Wir sind nach der 40. Spielminute in eine Stress-Situation gekommen, als wir gemerkt haben, dass die Tschechinnen immer näher und näher kamen. Da haben wir irgendwie den Faden verloren. Das war entscheidend.

Die tschechische Kapitänin Iveta Luzumova hat gestern nach dem Spiel gesagt, dass sie nur darauf gewartet hätten, dass Ihre Mannschaft am Ende müde wird. Wie kommentieren Sie das?

Leszek Krowicki:
Ich glaube nicht, dass sie gewartet haben. Sie haben 40 Minuten lang nicht wirklich viele Mittel gegen uns gefunden. Wir haben das Spiel verloren. Wir haben ihnen die Punkte auf dem Silbertablett serviert und im übertragenen Sinne gesagt: "Hey, nehmt die Punkte". Das ist nicht "gewartet". Wir sind nicht mehr zurückgelaufen, wir haben in der Deckung nicht mehr richtig zugepackt, wir werfen nicht präzise. Das tut unwahrscheinlich weh. Aber als Beobachter und als Trainer hat man solche Spiele schon gesehen. Wir finden in Polen ein tolles Beispiel. Kielce hat das Endspiel der Champions League gewonnen, obwohl sie 15 Minuten vor Spielende mit neun Toren zurückgelegen haben. Solche Dinge passieren. Insofern ist das für mich natürlich eine traurige Geschichte. Aber es ist auch keine besondere Sensation in unserer Sportart. Unsere Energie war in dieser Phase einfach weg.

In ihrem Team haben vier Spielerinnen über 100 Spielminuten in den Beinen. Können Sie etwas zum Thema "Belastungssteuerung" sagen und welche Möglichkeiten Sie dafür haben?

Leszek Krowicki:
Wir haben eine etwas andere Situation als viele andere Nationalteams. Unser Kader ist interessant, jung und hat eine gute Perspektive. Aber er ist nicht so ausgeglichen. Vor jedem Spiel stellt sich die Frage, ob mit unserer Stammbesetzung alles klappt. Und helfen uns die Spielerinnen, die weniger Erfahrung haben, oder nicht? Ich kann nicht so, wie meine Trainerkollegen, mit meiner Aufstellung jonglieren. Bei der Europameisterschaft letztes Jahr in Schweden hat es fantastisch funktioniert, die jüngeren Spielerinnen haben in kurzen Phasen für Entlastung gesorgt und unser Spiel nahtlos fortgesetzt. Gegen Tschechien lief es genau umgekehrt: Als wir nach 40 Minuten diese Unterstützung gebraucht hätten, haben die Wechsel nicht funktioniert.

Welche Möglichkeiten haben Sie als Nationaltrainer, die jungen Spielerinnen konsequent weiterzuentwickeln und allmählich an das notwendige Niveau heranzuführen?

Leszek Krowicki:
Unsere Möglichkeiten in der polnischen Liga und in polnischen Verband allgemein sind grundsätzlich nicht so groß wie in Deutschland. Das wird immer eine Rolle spielen, wenn zwei Spiele in so kurzer Zeit zu absolvieren sind. Die Zeiten, mit den jungen Spielerinnen konsequent zu arbeiten, fehlen mir. Der internationale Terminkalender gibt da allen Mannschaften die gleichen Bedingungen.

Man muss die möglichen Zeiten intensiv zur gemeinsamen Arbeit nutzen. Das ist ein Problem für alle Trainer, die gerade eine neue Nationalmannschaft aufbauen. Wenn man schon eine Mannschaft hat und diese Mannschaft in einer Besetzung längere Zeit funktioniert, spielt der Terminkalender keine so große Rolle. Ich mache alles Mögliche, um diese fehlenden Zeiten zu kompensieren. Ich reise viel durch Polen, ich organisiere viel. Aber ich betone immer wieder, dass mir die Zeiten fehlen, um die jungen Spielerinnen tatsächlich voranzubringen.

Auf welchem Weg sehen Sie Ihre Mannschaft unter diesen Bedingungen?

Leszek Krowicki:
Ich finde, wir haben in einer kurzen Zeit einige Dinge entwickeln können und sind auch in der Lage, sie im Spiel abzurufen. Da werden Resultate unserer guten Arbeit sichtbar. Ich weiß nicht, ob Sie unsere WM-Vorbereitung verfolgt haben. Wir haben Rumänien und Brasilien geschlagen. Wir haben die ersten beiden Qualifikationsspiele für die Europameisterschaft gewonnen und sind Gruppenerster. Das entwickelt sich also alles in die richtige Richtung. Aber die nächste Stufe zu erreichen und ein komplettes Turnier auf dem Niveau zu spielen, das wir gegen Schweden im ersten Spiel gezeigt haben, ist zurzeit unwahrscheinlich schwierig. Ich sage nicht, dass das unmöglich ist. Ich sage nur: Das ist schwierig.

Die polnische Mannschaft spielt nun, mit zwei Punkten im Rücken, in der restlichen Gruppenphase gegen Norwegen, Ungarn und schließlich noch gegen Argentinien. Wie gehen Sie in das Spiel gegen Norwegen? Ist es ein Spiel, um den jungen Spielerinnen eine Chance zu geben und die erfahrenen zu entlasten? Die Bedeutung des Ungarn-Spiels dürfte ja enorm sein...

Leszek Krowicki:
Gegen Norwegen vorwiegend die jungen Spielerinnen einzusetzen, ist eine Alternative. Man muss es realistisch einschätzen. Wenn Norwegen seine Rolle als Favorit erfüllt, muss man sicherlich schnell die Möglichkeiten durchdenken. Das Spiel gegen Ungarn ist für uns das alles entscheidende Spiel. Wenn wir aber gegen Norwegen von Anfang an überraschen und zeigen, dass die Möglichkeit zu punkten da ist, warum sollen wir dann nicht alles investieren? Im Sport ist alles möglich! Klar verstehe ich unsere Aufgabe und Rolle und ich weiß, dass wir als Außenseiter diese Begegnung spielen. Deswegen muss man sich natürlich Gedanken machen, in welcher Konstellation wir antreten. Leider können wir die Mathematik nicht völlig ausblenden. Deswegen wird man verstehen, dass das Spiel gegen Ungarn für uns absolute Priorität hat. Dort müssen wir alles investieren. Wir haben keine andere Wahl!

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