03.03.2017 12:00 Uhr - 1. Bundesliga - Anne Grimm, dpa

Leipzig-Trainer Rentsch: "Wirtschaftlich demütig sein und bodenständig agieren"

Norman RentschNorman Rentsch
Quelle: HCL
Im März entscheidet sich, ob der HC Leipzig finanziell eine Zukunft in der Bundesliga hat. Trainer Norman Rentsch zeigt sich optimistisch und versucht, parallel zur wirtschaftlichen Rettung eine Mannschaft mit jungen Talenten für die neue Saison aufzustellen.

Einst bezeichnete Manager Kay-Sven Hähner den HC Leipzig als das Bayern München des Frauen-Handballs. Doch von dem Glanz ist nichts mehr geblieben. Stattdessen kämpft der frühere Vorzeigeclub mit 900 000 Euro Schulden ums Überleben. Coach Norman Rentsch bleibt trotzdem.

Vor zwei Wochen hat der Verein seinen enormen Schuldenberg öffentlich gemacht. Lässt es sich seitdem befreiter arbeiten?

Norman Rentsch:
Die Fronten sind jetzt geklärt und von allem fällt ein bisschen Ballast ab, weil man vorher versucht hat, diesen Tatsachen aus dem Weg zu gehen. Aber die Mannschaft hat das schon davor gut ausgeblendet. Dafür kann ich ihr nur Respekt zollen, wie sie es trotz den Unwegsamkeiten sportlich gelöst hat. Das zeigt, dass wir tolle Charaktere haben und die Mannschaft in sich geschlossen ist.

Die von Verletzungen und verspäteten Gehaltszahlungen geplagte Mannschaft holte in der Bundesliga zuletzt fünf Siege, darunter gegen den Tabellenzweiten Metzingen. Hat Sie das überrascht?

Norman Rentsch:
Definitiv. Wir haben sportlich unseren Weg gefunden, auch mit einer Truppe, in der viele junge Spielerinnen aus der zweiten Reihe Verantwortung übernommen und sich toll entwickelt haben. Mit der Verletzung von Saskia Lang und der Krankheit von Katja Kramarczyk sind Anfang des Jahres noch mal extreme Pfeiler weggebrochen. Das so ein Überraschungssieg funktioniert, ist super. Aber viel wichtiger waren für uns Erfolge gegen Mannschaften, die in der unteren Hälfte der Tabelle stehen. Das ist das A und O. Metzingen war on Top.

Am Samstag kommt Leverkusen, mit Ex-Kapitän Katja Kramarczyk. Wird das ein besonderes Spiel?

Norman Rentsch:
Es ist natürlich komisch, schon zwei Wochen später wieder als Gegner aufeinanderzutreffen, wenn man sie achteinhalb Jahre im Trikot und Tor des HCL kennt. Aber sie hat den Schritt so gewählt, das ist auch nachvollziehbar und von uns akzeptiert.

Sie haben sich zum HCL bekannt, wollen trotz prekärer Lage und ungewisser Zukunft bleiben. Welche Gründe gibt es?

Norman Rentsch:
Die Mädels sollen das auch als Initialzündung für ihre Entscheidung sehen. Es ist meine dritte Saison in Leipzig und mir liegt sehr viel am Team. Man sieht auf der Platte, dass wir alle zusammen Spaß haben und es sportlich in die richtige Richtung geht. Ich bin sehr dankbar, dass man mir damals hier die Chance gegeben hat. Die Zeiten der ganz großen Ziele und Erfolge sind vorbei. Die Aufgabe, den Verein wirtschaftlich wie sportlich in ruhige Gewässer zu führen, ist enorm groß. Das macht es aber auch spannend.

Die Spielerinnen sahen das nicht alle so. Während der Saison haben Luisa Schulze und Katja Kramarczyk den Verein verlassen, im Sommer folgen mit Anne Hubinger und Shenia Minevskaja die nächsten zwei Nationalspielerinnen.

Norman Rentsch:
Bei Shenia und Anne bin ich unheimlich dankbar, dass sie den Weg bis zu ihrem Vertragsende mit uns gehen und ein klares Zeichen dafür setzen, dass sie dem Verein helfen wollen. Dass die Situation unsicher ist, ist ihnen bewusst. Aber sie wollen mit dafür kämpfen, dass es den HCL nächste Saison noch gibt. Solche Entscheidungen verdienen Respekt, denn beide hätten in der Saison locker wechseln und bei anderen Vereinen noch um Titel mitspielen können.

Von den Leistungsträgern sind nur noch Saskia Lang und Karolina Kudlacz-Gloc übrig. Braucht man solche Stützen, wenn es in der Bundesliga weiter gehen soll?

Norman Rentsch:
Bei Saskia steht die Genesung im Vordergrund und dass sie sich von der schweren Knieverletzung gut erholt. Die ganze Situation hat sie mitgenommen. Karo wird Mutter, da kann viel passieren. Daher sind wir bei beiden sehr neutral aufgestellt. Die aktuellen Spielerinnen haben sich gerade aus dem Schatten der Nationalspielerinnen hervorgekämpft und entwickeln ihre eigene Persönlichkeit. Wir wollen das Team so auch für die Zukunft aufstellen.

Im März geht es um die Abgabe der Lizenz und die Fertigstellung des Entschuldungskonzepts. Gibt es Grund zur Hoffnung?

Norman Rentsch:
Die Resonanz, die wir erfahren haben, war phänomenal. RB Leipzig hat mit verschiedenen Aktionen geholfen, genauso wie der SC DHfK Leipzig oder ehemalige Spielerinnen. Man bekommt positives Feedback von Gönnern, Sponsoren und Fans. Das zeigt den Stellenwert des HCL und dass es vielen Leuten wichtig ist, dass der Verein fortbesteht. Dafür kämpfen wir alle, auch wenn es noch ein weiter Weg ist.

Was muss sich künftig ändern, damit der Verein solide wirtschaftet?

Norman Rentsch:
Punkte, in denen man Fehler gemacht hat, wurden angesprochen. Wir müssen akzeptieren, dass wir mit den großen Vereinen wirtschaftlich nicht mehr mithalten können. Das Ziel muss es künftig nicht mehr sein, Titel zu gewinnen, sondern attraktiven Handball für die Fans zu spielen und andere Mannschaften zu ärgern. Außerdem wollen wir Spielerinnen langfristig wieder an höhere Aufgaben heranführen. Wir müssen nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich demütig sein und bodenständig agieren. Wir versuchen, parallel zur wirtschaftlichen Rettung ein Team für die neue Saison aufzustellen. Natürlich ist das noch risikobehaftet, aber wir haben gutes Feedback der Spielerinnen aus den ersten Gesprächen bekommen.

Es besteht auch die Gefahr, dass die Rettung nicht gelingt. Ist ein Neustart in Liga drei eine Option?

Norman Rentsch:
Vereine, die vor uns diesen Schritt gehen mussten, hatten es sehr schwer, zurückzukommen. Es muss alles daran gesetzt werden, den Plan für die Rettung umzusetzen. Deswegen beschäftige ich mich gerade nur damit.

Zur Person: Norman Rentsch ist seit 1. Juli 2014 Trainer des HC Leipzig. Er trat die Nachfolge des entlassenen Thomas Orneborg an. Der 37-Jährige holte mit dem mehrmaligen deutschen Meister 2016 den DHB-Pokal.