19.10.2016 10:02 Uhr - 1. Bundesliga - Felix Buß

Nationalteam-Neuling Jenny Karolius: "Haben Spaß und sind trotzdem total fokussiert!"

Jenny KaroliusJenny Karolius
Quelle: Marco Schultz
„Flummi ist eine hervorragende Handballerin, die ihre absoluten Stärken in der Deckung hat. Sie setzt sich für das Team ein und ist immer da, wenn man sie braucht, nicht nur auf dem Spielfeld mit ihrem Positionsspiel. Sie kommuniziert viel und sie übernimmt soziale Verantwortung“, weiß Trainerin Renate Wolf genau, was sie an Jenny Karolius hat. Im Nationalteam ist die 30-Jährige aber neu, sie hat gerade ihre ersten vier Länderspiele absolviert. „Ich freue mich darüber, dass sie in ihrem fortgeschrittenen Alter die Chance hat, bei der WM 2017 etwas ganz Großes zu erreichen“, sagt Renate Wolf. Mit handball-world.com sprach Karolius über diese überraschende Entwicklung in ihrem Sportlerleben und die WM im eigenen Land.

Jenny Karolius, du spielst ja schon etliche Jahre in der zweiten oder ersten Bundesliga. In Leverkusen bist du Kapitänin. Deine Karriere im Nationalteam hat aber gerade erst begonnen. Du triffst dort auf Spielerinnen, die sehr viel jünger sind als du aber schon sehr viel mehr Länderspiele haben. Wie gehst du damit um und was erwartet der Bundestrainer von dir?

Jenny Karolius:
Es ist tatsächlich für mich eine ganz neue Situation. Manchmal tue ich mich damit ein bisschen schwer, die Rolle anzunehmen, die sich Michael Biegler von mir wünscht: Ich soll zusammen mit Julia Behnke von der TuS Metzingen die Abwehrchefin sein.

Schwierig finde ich es deswegen, weil ich erst so kurz dabei bin. Ich habe ja erst vier Länderspiele absolviert und sehe mich noch nicht in dieser Rolle, auch mal laut zu werden und mir gegenüber meinen Mitspielerinnen etwas rauszunehmen. Aber Biegler will das von mir, dass ich selbstbewusst agiere und mit meiner Erfahrung die Abwehr zusammenhalte.

Ich merke auch, dass ich mit dieser Erwartung jetzt im zweiten Lehrgang besser klargekommen bin als ganz am Anfang, als ich neu war in der Nationalmannschaft. Das Team hat mich auch gut aufgefangen. Man merkt nicht, dass man erst seit Kurzem dabei ist. Alles ist sehr homogen und es macht total viel Spaß!

Die Vorfreude auf die WM 2017 im eigenen Land ist wahrscheinlich bei allen sehr gro߅

Jenny Karolius: Ja, auf jeden Fall. Und man merkt das auch. Michael Biegler sagt uns das eigentlich jeden Tag, dass das die Vorbereitung ist für 2017 und dass jeder Tag bis dahin wichtig ist.

Er transportiert das auch in jedes Training rein und in all seinen Ansprachen kommt es vor. Es freut sich wirklich schon jeder drauf, und das wirkt sich natürlich auch auf die Stimmung aus: Wir haben Spaß miteinander und sind trotzdem im Training total fokussiert. Es ist ein sehr schönes Gefühl, dabei zu sein.

Du spielst in Leverkusen und hast eine gute Kommunikatorin als Trainerin. Bei Michael Biegler wird diese Kompetenz auch immer wieder hervorgehoben. Wie erlebst du ihn?

Jenny Karolius:
Er sagt ganz klar, was er will. Und das soll so umgesetzt werden. Und wenn etwas nicht klappt, kann er das auch sehr gut kommunizieren.

Er findet die richtigen Worte, und es ist immer präzise: Er gibt uns genau vor, wie es laufen muss. Man kann sich super daran halten, was er sagt, auch weil es meist erfolgreich ist. Und wenn er etwas vorgibt, was nicht so erfolgreich ist, sagt er sofort: „Nehm ich auf meine Kappe!“

Inwieweit hilft euch das, dass Michael Biegler sehr bekannt ist? Er war jetzt im NDR Sportclub im Fernsehen und der NDR hat euch im Training besucht. Das erlebt man im Frauenhandball nicht alle Tage, oder?

Jenny Karolius:
Michael Biegler schürt die Medienwirksamkeit des Frauenhandballs sehr. Er will, dass wir in die Öffentlichkeit kommen, weil wir einfach genauso gute Arbeit leisten wie die Männer. Er versteht das einfach nicht, dass die Frauen nicht so in den Medien vorkommen wie die Männer. Wir leisten genau das Gleiche und er pusht das total. Es war super, dass der NDR bei einem Training da war. Für mich ist das allemal etwas Neues, dass das Fernsehen zum Training kommt. Aber das kann ja nur gut sein.

Du hast vorhin erzählt, dass du jetzt deine ersten vier Länderspiele nacheinander absolviert hast. Du bist ja schon 30 Jahre alt. Kannst du schildern, wie sich das entwickelt hat? Das kam vermutlich ziemlich überraschend für dich…

Jenny Karolius:
Ja… Michael Biegler war im Training in Leverkusen und hat sich auch ein paar Spiele angeschaut. Dann meinte er irgendwann zu Renate (Wolf, Geschäftsführerin und Trainerin TSV Bayer Leverkusen, Anm. d. Red.): „Wer ist denn das da?“ Er war dann offenbar begeistert von mir und Renate hat mich dann informiert: „Der Bundestrainer wird dich anrufen.“ Das habe ich nicht glauben wollen. Und dann hat er wirklich angerufen. Ich war erst total nervös, aber dann war es ein sehr entspanntes Telefonat mit ihm.

Dann war ich aber erst mal ein bisschen geflasht und musste erst einmal nachdenken (schmunzelt). Ich arbeite ja 30 Stunden pro Woche und mein Chef war erst einmal nicht so begeistert. Aber er unterstützt mich, und Renate und der TSV Bayer Leverkusen unterstützen mich ohnehin sehr.

Der Sportliche Leiter des DHB, Wolfgang Sommerfeld, hat davon gesprochen, dass jede Nationalspielerin ein individuelles Trainingsprogramm bekommt. Wie kann man sich das vorstellen? Wie du schon erwähnt hast, arbeiten ja fast alle Nationalspielerinnen nebenher oder sie studieren…

Jenny Karolius: Wir kriegen für das Heimtraining Dinge an die Hand, die wir machen sollen. Wir müssen dann in regelmäßigen Abständen die Ergebnisse mailen. Das sind zum Beispiel verschiedene Übungen für Schnelligkeit und Kraft. Wir haben zudem spezifische Kraftpläne bekommen. Das wird alles gut in das tägliche Vereinstraining integriert.