14.12.2015 16:44 Uhr - Weltmeisterschaft - Maciej Firlej

Im Interview: Anna Wysokinska über Achtelfinale, WM und das Leben in der Türkei

Anna Wysokińska wechselte im Sommer von Bietigheim nach AnkaraAnna Wysokińska wechselte im Sommer von Bietigheim nach Ankara
Quelle: groundshots.de
Mehrere Jahre spielte Anna Wysokińska in Deutschland, 2012 war sie von MKS Lublin zum SV Union Halle-Neustadt gewechselt, danach folgten zwei Spielzeiten in Bietigheim. Derzeit hütet sie bei der Weltmeisterschaft in Dänemark das Tor der polnischen Auswahl. Im Gespräch mit Maciej Firlej blickt sie auf das heutige Achtelfinale, spricht aber auch über den bisherigen Turnierverlauf und ihr aktuelles Engagment in der Türkei. "Ungarn ist kein unbekanntes Team: Görbicz, Tomori, Kovacic oder Szamoransky - diese Spielerinnen kennt jeder Handball-Fan. Es wird eine harte Aufgabe im heutigen Achtelfinale", so Wysokińska.

Hängen Deine Gedanken immer noch an der Niederlage gegen die Niederlande oder geht der Blick bereits voraus auf das Duell mit Ungarn

Anna Wysokińska:
Wir denken natürlich nur an das Spiel gegen Ungarn, es ist die wichtigste Partie bei diesem Turnier. Zurückzublicken bringt uns keinen Mehrwert, wir müssen den Kopf frei bekommen und uns bestmöglich auf das Duell mit den Ungarinnen vorbereiten.

Dennoch, ein kurzer Blick zurück auf die Vorrunde in der Naestved Arena: Wie beurteilst Du das Auftreten des polnischen Teams in der Gruppenphase?

Anna Wysokińska:
Es ist vermutlich nicht neu und auch keine Enthüllung, wenn ich sage, dass wir nicht den schönsten Handball gespielt haben. Glücklicherweise gibt es die Punkte nicht für die künstlerische Darstellung. Es gibt immer Dinge, die besser, entschlossener oder genauer gemacht werden können. Aber jetzt sind wir an dem Punkt, wo das nächste Spiel immer das wichtigste ist. Wir versuchen in jedem Spiel etwas zu lernen, aber es bringt auch nichts zu lange über die Fehler zu grübeln. Wir haben dei Gruppe B mit dem dritten Platz abgeschlossen und so treffen wir nun auf Ungarn.

Das Duell im Achtelfinale gegen Ungarn wird sicherlich nicht einfach. Wie muss das polnische Team spielen, wenn es gegen den Titelanwärter gewinnen will?

Anna Wysokińska:
Das ist trivial, wir müssen einfach ein Tor mehr erzielen als sie. Aber ernsthaft: Ich bin sicher, dass uns Paulina Adamska mit Videos und statistischen Informationen vorbereiten wird. Sie macht wirklich einen herausragenden Job. Und Ungarn ist kein unbekanntes Team: Görbicz, Tomori, Kovacic oder Szamoransky - diese Spielerinnen kennt jeder Handball-Fan. Es wird eine harte Aufgabe im heutigen Achtelfinale.

Ihr nächster Gegner wird sich vermutlich auch besonders auf die Siebenmeter vorbereiten müssen, Sie haben bei dieser WM einige unglaubliche Paraden gezeigt. Haben Sie ein besondere Rezept für Strafwürfe?

Anna Wysokińska:
Danke für das Kompliment. Ich bevorzuge die Situationen Auge in Auge mit meinem Gegner. Diese kann man sich viele Male im Video ansehen, analysieren und sich darauf im Training vorbreiten. Aber einen Strafwurf zu parieren ist insgesamt eine Summe verschiedener Fähigkeiten und auch Glück.

Das polnische Team war vor zwei Jahren der Außenseiter in Serbien im Duell mit Rumänien. Gelingt heute eine ähnliche Überraschung?

Anna Wysokińska:
Niemand hat vor zwei Jahren an uns geglaubt und ich denke, wir sind auch heute nicht der Favorit. Ich bin mir aber sicher, dass wir sehr gut vorbereitet sein und den Kampf gegen die Ungarinnen annehmen werden. Wir, aber sicherlich auch Ungarn, wollen gewinnen - bei einer Weltmeisterschaft träumt jeder vom bestmöglichen Resultat.

Ein kurzer Abstecher von Dänemark in die Türkei. Wie lebt es sich in Ankara?

Anna Wysokińska:
Dort läuft es wirklich gut. Ankara ist die Hauptstadt und anderen europäischen Großstädten wie Paris, Madrid oder Berlin nicht unähnlich. Ich bin froh, dass ich und mein Ehemann Michał beide dort Handball spielen können. Und, wir haben dort viele wunderbare Menschen getroffen, erste Ängste sind so schnell vergangen.

Waren Sie auch davon beängstigt in einem islamisch geprägten Land zu leben?

Anna Wysokińska:
Da sind schon viele ernsthafte Sachen, die man im Fernsehen sieht und in den Nachrichten liest - beispielsweise hinsichtlich der Vorfälle an der Grenze. Aber: Mehr als die Hälfte meiner Mitspielerinnen sind Moslems. Diese Frauen sind alle selbstbewusst, zuvorkommend und gebildet. Sie lächeln immer und versuchen mir zu helfen - mit Blick auf die kulturellen Differenzen sind wir schnell klar gekommen. Ich kann nur sagen: Ankara ist eine freundliche Stadt.

In früheren Interviews haben Sie sich überrascht über das hohe Level in der türkischen Liga gezeigt. Wie ist dies im Vergleich zu anderen europäischen Ligen?

Anna Wysokińska:
Ich mag diese Art von Vergleichen nicht, denn jede Liga ist unterschiedlich und unverwechselbar. Es gibt viele ausländische Spielerinnen, viele davon tragen in ihrer Heimat das Nationaltrikot. Meiner Meinung kommen fünf von zwölf Teams für den ersten Platz im Abschlussklassement in Frage. Mein Team, Ankara Yenimahalle BSK steht derzeit an der Tabellenspitze, aber wir haben schon drei Punkte abgegeben. Neben dem Meisterschaftkampf kämpfen wir zudem noch im Pokal und im Supercup.

In der Türkei wird auch an Weihnachten Handball gespielt. Ist es für Sie das erste Mal?

Anna Wysokińska:
Ich war schon häufig nicht zu Hause, aber ich war jetzt bereits seit Ostern nicht mehr in der Heimat. Dieses Jahr wird zudem das erste Mal ein Weihnachten ohne die Großfamilie. Leider hat der türkische Verband den türkischen Pokal an Weihnachten angesetzt. Mein Ehemann wird aber da sein, er spielt bei den Herren den Pokal bereits kurz vor Weihnachten. Wir versuchen derzeit einen internationalen Weihnachtsabend mit den Spielerinnen vorzubereiten.