10.12.2015 15:00 Uhr - Weltmeisterschaft - Julia Nikoleit - handball-world.com

"Peu a peu besser": Torhüterin Kramarczyk über Entwicklung und Turbulenzen

Katja KramarczykKatja Kramarczyk
Quelle: Ingrid Anderson-Jensen
Sie ist der Rückhalt der deutschen Mannschaft: Katja Kramarczyk vom HC Leipzig trägt gemeinsam mit Clara Woltering die Verantwortung im Tor. Sie freut sich über die Entwicklung, welche die deutsche Mannschaft bei der WM in Dänemark in den ersten Tagen genommen hat: "Was gegen Frankreich noch nicht funktioniert hat, ist uns gegen Brasilien schon viel besser gelungen." Außerdem spricht sie über das anstehende Match gegen Südkorea, die Turbulenzen vor dem Turnierstart und den Geburtstag ihres Sohnes ...

Katja, nach drei Spielen stehen zwei Punkte zu Buche. Wie fällt dein Fazit des bisherigen Turnierverlaufs aus?

Katja Kramarczyk:
Man kann in allen drei Spielen eine gute Entwicklung des Teams sehen. Das Auftaktspiel war noch nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir haben den Franzosen von Beginn an zu viel Raum gegeben und haben nie ins Spiel gefunden. So kam auch die hohe Niederlage zustande. Gegen Argentinien sind wir unser Favoritenrolle ganz klar gerecht geworden. Wir haben viele Dinge ausprobiert, alle konnten spielen und wenn man die Resultate der anderen Teams gegen Argentinien vergleicht, denke ich, dass wir das sehr konsequent gespielt haben.

Und die Partie gegen Brasilien?

Katja Kramarczyk:
Gegen den Mitfavoriten Brasilien haben wir ein gutes Spiel gemacht, mit Körpersprache gespielt und sowohl defensiv wie auch offensiv gute Akzente gezeigt. Wir haben den Brasilianerinnen Paroli bieten können. Am Ende haben Kleinigkeiten das Spiel entscheiden - entscheidet man sich für den richtigen Wurf? Wie kommt der Ball auf das Tor? Wir verwerfen zwei Siebenmeter in der wichtigen Phase. Um so ein Spiel auf hohem Niveau gewinnen zu können, darfst du dir diese Dinge nicht erlauben. Das haben wir aber vorgestern getan und deshalb verloren.

Du sprachst eingangs von „einer guten Entwicklung“ - woran machst du diese konkret fest?

Katja Kramarczyk:
Wir haben uns bisher von Spiel zu Spiel gesteigert und unsere Leistung, die uns als Team ausmacht, wurde peu a peu besser: Wir wollen eine gute Abwehrreihe stellen, dann in unser Konterspiel gehen und vorne das Potenzial unserer guten Rückraumshooter - sowohl links als auch rechts - zur Geltung bringen. Was gegen Frankreich noch nicht funktioniert hat, ist uns gegen Brasilien schon viel besser gelungen.

An welchen Stellen gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Katja Kramarczyk:
Man sieht natürlich, dass sich das Team noch finden muss. Diese internationalen Spiele auf hohem Niveau sind etwas neues - viele Spielerinnen haben so ein Turnier noch nicht gespielt und auch die erfahrenen Spielerinnen haben aufgrund der neuen Konstellation bisher noch nie so eine Rolle gehabt wie in diesem Jahr. Das muss sich einfach noch entwickeln. Dafür brauchen wir jedes Spiel und da werden wir jetzt einfach schauen, wie viele noch kommen.

Wie schwer war es, die ganzen Turbulenzen aus der Vorbereitung - unter anderem die Kritik am Nationaltrainer Jakob Vestergaard und der Rücktritt von Svenja Huber - als Mannschaft zu verarbeiten?



Katja Kramarczyk:
Solche Turbulenzen braucht es natürlich nicht. Ich finde aber, dass uns das sehr gut gelungen ist, damit umzugehen und es auszublenden. Natürlich haben wir alle mitbekommen, dass welche zurückgetreten sind bzw. - wenn man weiter zurück geht - Jakob Entscheidungen getroffen hat, die sicherlich nicht ganz Handball-Deutschland verstehen wollte und die auch von Klub zu Klub unterschiedlich aufgenommen wurden. Wir haben die Entscheidungen aber respektvoll hingenommen und sind unseren Weg, den wir eingeschlagen haben, weitergegangen. Wir versuchen, uns als Team selbst zu formen und jeder versucht, seiner Rolle gerecht zu werden und sich einzubringen.

Gerade für den Auftritt gegen Brasilien gab es in Deutschland viel Lob. Ist das ein Zeichen gewesen, was diese Mannschaft leisten kann?

Katja Kramarczyk:
Die Mannschaft hat auf jeden Fall großes Potential. Wir stehen alle hinter dem Team - jeder einzelne - und dazu gehört auch das Trainerteam. Umso bessere Leistungen wir bringen, desto deutlicher wird auch, dass wir ein gutes Team auftreten. Resultate und gute Spiel helfen immer.

Als nächster Gegner kommt Südkorea auf euch zu. Was erwartet euch in dieser Partie?

Katja Kramarczyk:
Eine Spielweise, die man in Europa nicht so gewohnt ist. Sie haben viele physisch starke, aber nicht so hochgewachsenen Spielerinnen, die schnell auf den Beinen sind und ein super Eins-gegen-Eins sowie ein schnelles Passspiel haben. Wir müssen super in der Defensive stehen und versuchen, viele Stoppfouls zu machen, um sie nicht ins Spiel kommen zu lassen. Südkorea ist zudem bekannt für seine offensive Abwehr, was von uns entsprechend vorbereitet werden muss, denn wir haben starke Shooter und hochgewachsene Spielerinnen. Insofern scheint es von der Ausgangsposition so zu sein, dass die kleineren und schnelleren im Vorteil sind - das müssen wir konzeptionell gut lösen.

Wie wichtig wird die Rolle von Clara Woltering und dir sein?

Katja Kramarczyk:
Der Verbund Abwehr und Torhüter ist spielentscheidend; insofern wird sie wie in jedem Spiel sehr wichtig sein.

Wie funktioniert euer Zusammenspiel im Gespann?

Katja Kramarczyk:
Sehr gut (lacht). Wir kennen uns lange und haben schon bei den Juniorinnen zusammengespielt - das war vor zwölf Jahren. Wir haben seitdem viele Hochs und Tiefs durchgestanden und kennen diese Rolle auch schon von den Trainern davor. Insofern können wir damit sehr gut umgehen und bilden daher ein Gespann, das gut kommunizieren kann und respektvoll miteinander umgeht.

Solltet ihr euch für das Finalwochenende qualifizieren, kommt es bei dir zu einer ‚Terminüberschneidung‘ - dein Sohn hat ja am 20. Dezember Geburtstag. Was habt ihr euch für diesen Fall überlegt?

Katja Kramarczyk:
Grundsätzlich ist es schon schwierig, ich vermisse meine Familie natürlich - und so lange lasse ich meinen Sohn natürlich auch normalerweise nicht alleine. Wir haben ausgemacht, dass meine Familie herkommt, wenn es Richtung Finalwochenende geht - und der Geburtstag würde in diesem Fall in Dänemark gefeiert werden.

Zum Abschluss noch ein Ausblick: Welche Bedeutung hat die Heim-WM 2017 im Moment schon für euch?

Katja Kramarczyk:
Es spielt eine gewisse Rolle, weil wir wissen, dass mit den vielen jungen Spielerinnen ein Team für 2017 aufgebaut wird. Demnach schaut man vielmehr auf Entwicklungsprozesse. Wenn ich jetzt noch in dem Team des vergangenen Jahres spielen würde, würde die WM 2017 für mich persönlich noch nicht so eine große Rolle spielen - aber in diesem jungen Team ist das Turnier für viele ein großes Ziel. Als Mannschaft müssen wir uns nun dorthin entwickeln.