06.12.2015 10:00 Uhr - 1. Bundesliga - Astrid Jöhnck

Rikke Nielsen: "...und dann bin da ich - die robuste Mannschaftsspielerin"

Rikke NielsenRikke Nielsen
Quelle: privat
Sie war eine der ganz großen Spielerinnen beim dänischen Erstligisten Aalborg DH und gewann mit der dänischen Nationalmannschaft Silber bei der EM 2004. Die Rede ist von Rikke Nielsen, die nach ihrem abrupten Karriereende 2008 persönliche Schicksalsschläge erlitten hat, der es aber heute nach eigener Aussage besser als je zuvor geht. Im Gespräch mit handball-world.com blickt Rikke Nielsen zurück auf ihre Karriere, erzählt zudem ihre ganz persönliche Geschichte und gibt einen kleinen Ausblick auf die Handball WM der Frauen, die gestern in ihrem Heimatland Dänemark startete.

Die ehemalige Spielmacherin blickt mit Stolz zurück auf ihre Karriere, wie sie offen zugibt: "„Ich fühle mich privilegiert, dass ich die vielen Erfahrungen und Erlebnisse in meinem Gepäck habe. Ich bekam die Möglichkeit, mein Hobby auszuleben und habe dies sehr genossen. Zudem bin ich unglaublich glücklich über meine Silbermedaille von 2004. Aber um ehrlich zu sein, erinnere ich mich kaum an konkrete Ergebnisse – vielmehr sind es die Menschen und die vielen Erlebnisse, die mir im Gedächtnis geblieben sind.“

Zu diesen vielen Erlebnissen gehörte auch ihr einjähriges Gastspiel beim HC Leipzig in der Saison 2006/2007, in der die Mannschaft den Deutschen Pokal gewann. Auch heute noch verbindet die dreifache Mutter viele positive Erinnerungen mit ihrem damaligen Club: „Ich hatte eine schöne Zeit in Leipzig und denke gern hieran zurück. Der HCL ist ein sehr gut aufgestellter Verein mit guten Werten, Traditionen und dem richtigen Grad an Gewinnermentalität."

"Die Stadt ist fantastisch und ich habe es damals genossen aus meiner Komfortzone zu kommen", fügt Rikke Nielsen an. "Zuhause kannte ich ja alles, aber nun musste bzw. durfte ich neue Menschen und Spielerinnen kennenlernen. Ich konnte mich damals nicht an viele deutsche Ausdrücke aus dem Unterricht erinnern, aber trotzdem ging es richtig gut. Noch heute treffen wir unsere damaligen Nachbarn aus der Gustav-Adolf-Sraße und ich liebe es, südlich der Grenze bei den freundlichen und warmherzigen Deutschen Urlaub zu machen. Zu meinen damaligen Mannschaftskolleginnen halte ich vor allem via Facebook Kontakt und habe dadurch auch gleich einen kleinen Einblick in ihr Leben.“

Nach der Zeit in Leipzig kehrte Rikke Nielsen zurück nach Dänemark und spielte dort erneut für Aalborg DH, wo man ihr nunmehr eine Führungsrolle zugedacht hatte und wo sie sich immer wohl gefühlt hatte. Doch nach einer schwerwiegenden Daumenverletzung musste „Fräulein Aalborg“, wie man sie gern in Dänemark nannte, im August 2008 ihre Karriere beenden. Ärzte und Physiotherapeuten hatten ihr eindringlich dazu geraten und so gab sie das geliebte Leben als Handballspielerin notgedrungen auf.

„Es war fürchterlich, dass ich nicht selbst bestimmen konnte, wann meine Handballzeit vorbei sein sollte. Es hat mich damals einige Zeit gekostet herauszufinden, wer ich nun war – und dass es rein faktisch ein Leben außerhalb der Halle war.“ An das abrupte Karriereende schloss sich ein unschöner Streit bezüglich der Lohnfortzahlung mit ihrem langjährigen Verein an. Eine Woche vor dem anberaumten Gerichtstermin wurden sich beide Seiten jedoch einig, zudem bekam die Rückraumspielerin die öffentliche Entschuldigung, die sie sich gewünscht hatte.

Doch das Karriereende sollte nicht der einzige Rückschlag für Rikke Nielsen bleiben. Wenige Zeit, nachdem sie dem Handball den Rücken gekehrt hatte, bemerkte die damals 31-Jährige, dass sie schwanger war. Sie war in ihren Beruf als Krankenschwester zurückgekehrt und genoss ihr Leben als künftige Ehefrau sowie werdende Mutter. Alles lief gut, bis zum dem Tag, an dem ihr Verlobter Lars sie auf einen Knoten am Hals aufmerksam machte. Doch die Ärzte beruhigten sie schnell, es sei nur eine Auswirkung der Schwangerschaft und dem damit verbundenen erhöhten Stoffwechsel. Sie gab sich schlussendlich mit der Erklärung zufrieden, zu groß war die Vorfreude auf das kleine Mädchen, das bald zur Welt kommen sollte.

Es wurde jedoch – im wahrsten Sinne des Wortes – eine schwere Geburt. Vier Tage dauerte es, bis die kleine Magda das Licht der Welt erblickt. „Es war eine fürchterliche Geburt, doch als die Kleine endlich da war, gratulierte uns niemand. Es war ganz still im Raum, bis Lars sagte, dass es okay sei. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte und konnte es auch noch nicht einordnen, als man mir unsere Tochter in den Arm legte. Sie war so wunderschön. Ich zählte blitzschnell alle Finger und Zehen und alles war in Ordnung.“

Doch, die Hebamme erzählte den Eltern, dass ihre Tochter offenbar mit dem Down Syndrom zur Welt gekommen sei. Rikke Nielsen wollte dies zunächst nicht wahrhaben und klammerte sich an die Ärzte, die der Meinung waren, mit Magda sei alles in Ordnung. Doch die nun folgenden Untersuchungen bestätigten die Krankheit und für die junge Mutter brach eine Welt zusammen. „Ich erinnere mich sehr deutlich. Alle Farben verschmolzen. Der Fußboden verschwand unter mir und die Decke fiel mir auf den Kopf, so dass ich keine Luft mehr bekam.“

All die Pläne, die sie für ihre Tochter im Kopf hatten, zerplatzten in diesem Moment. Sie tat sich schwer mit dem Gedanken, Mutter eines behinderten Kinds zu sein. Doch als die kleine Familie erst einmal zu Hause ist, wird es besser. Rikke liebt ihre kleine Tochter und genießt die Zeit mit ihr. Nur die Kommentare von Freunden oder auch Fremden, die in den Kinderwagen schauen, irritieren und verärgern sie. „Entweder guckten die Leute weg oder sie sagten etwas völlig Übertriebenes, wie zum Beispiel ‚Was hat sie bloß für schöne Ohren‘“.

Rikke Nielsen lächelt bei diesen Erinnerungen und gibt ehrlich zu: „Es war völlig unnatürlich, aber ich habe auch keine Ahnung, was die Leute sonst hätten sagen sollen. Oder was ich an ihrer Stelle gesagt hätte.“ Mittlerweile ist Magda sechs Jahre alt und ein liebevolles, zufriedenes Kind. Ihre Mutter tut sich heute schwer damit, ihre damaligen Gedanken nachzuvollziehen. „Ich bin so stolz auf sie und auf das, was sie ist. Sie hat mir beigebracht, im Hier und Jetzt zu leben und aus allem das Beste zu machen. Magda ist wirklich kein Problem. Das war es, was ich damals dachte und befürchtete. Doch heute weiß ich, dass sie ein großes Geschenk ist.“

Während der Kennenlernphase mit Magda rückte der Knoten am Hals plötzlich wieder in das Bewusstsein von Rikke Nielsen. Man hatte ihr angeboten, den Knoten aus ästhetischen Gründen zu entfernen. Doch nach der OP war die Welt plötzlich auf den Kopf gestellt. Schilddrüsenkrebs. „Der Arzt teilte mir die Diagnose mit und ich dachte ‚Verdammt, daran kann ich sterben‘, doch ich wurde nicht panisch. Das kam erst später.“ Man machte Rikke Nielsen Vorwürfe, warum sie nicht schon früher gekommen sei, doch man hatte der jungen Frau bei den ersten Untersuchungen ja gesagt, dass der Knoten harmlos sei und sie hatte das geglaubt.

Die Heilungschancen standen gut, doch die Behandlung war anstrengend. Rikke musste operiert werden und wurde mehrfach in einem Isolationszimmer radioaktiv behandelt. Es war eine schwere Zeit für die junge Familie, doch die Behandlung schlug an und die Dänin wurde wieder gesund. Heute leben sie, ihr Mann Lars und die drei Kinder im selbst gestalteten Traumhaus und genießen das Leben. „Es klingt banal, aber ich bin wirklich dankbar für das Leben. Ich bin so glücklich darüber zum Geräusch von trippelnden Kinderfüßen aufzuwachen. Handball, der mein ganzes Leben ausgefüllt hat, bedeutet im Vergleich dazu gar nichts. Faktisch habe ich seit Magdas Geburt auch keine Handballschuhe mehr getragen. Ich genieße es einfach auf der Welt zu sein. Für meine Kinder da zu sein und zu merken, dass ich lebe.“

Neben ihrem Job als Mutter und selbstständige Firmenberaterin hält Rikke Nielsen auch Vorträge mit dem ehemaligen SG-Flensburg-Handewitt-Spieler Lars Christiansen. Beide berichten hierbei über ihre Karrieren, aber auch über ihre persönlichen Schicksalsschläge und wie sie es geschafft haben, hiermit umzugehen. Über die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Linksaußen weiß Nielsen nur Positives zu berichten: „Es ist einfach schön mit Lars Vorträge zu halten. Er ist ja der Stern, die Legende, der Held – alle kennen ihn – und dann bin da ich – die robuste Mannschaftsspielerin. Das ist ein tolles Wechselspiel und zudem lieben wir es beide, die Leute zu inspirieren und zu erzählen, was wir aus unseren Aufs und Abs gelernt haben. Ich hoffe, dass wir noch oft gemeinsame Auftritte haben.“

Den Kontakt zur Handballwelt hat Rikke Nielsen nicht verloren und so blickt die sympathische Dänin abschließend auf die gestern gestarteten Titelkämpfe in ihrem Heimatland: „Ja, natürlich werde ich die WM verfolgen und das nicht nur am Fernseher. Am 09. Dezember werde ich nach Herning fahren und mir ein Spiel der dänischen Mannschaft ansehen. Für mich war es damals eine große Ehre, ein Teil der Nationalmannschaft zu sein. Ich hatte eine Jokerrolle und es war fantastisch, wenn ich die Chance bekam, auf dem Spielfeld zu stehen. Im Hinblick auf die WM wird es meines Erachtens spannend sein zu sehen, was Dänemark leisten kann mit einem begeisterungsfähigen Publikum im Rücken – 2002 hat das ja hervorragend funktioniert.“

Befragt nach ihrer Einschätzung der deutschen Mannschaft, muss Rikke Nielsen schmunzeln: „Meine Sympathien gehören sehr oft der deutschen Mannschaft – aber natürlich nicht, wenn sie gegen Dänemark spielt. Deutschland hat meiner Meinung nach eine tüchtige und starke Mannschaft, zudem ist ihre Abwehr berüchtigt in der Handballwelt. Wenn ihre Defensive also gut steht und sie ins schnelle Umschaltspiel kommen, wird es schwer werden, sie zu schlagen.“


Rikke Nielsen im offiziellen Video zur Hymne von Aalborg DH