10.05.2015 20:22 Uhr - 1. Bundesliga - Ole Rosenbohm, VfL

Überragende Wester wirft sogar ein Tor: Oldenburg trumpft gegen Leipzig auf

Tess Wester zeigte eine starke Leistung und durfte neben zahlreichen Paraden auch einen eigenen Torerfolg bejubelnTess Wester zeigte eine starke Leistung und durfte neben zahlreichen Paraden auch einen eigenen Torerfolg bejubeln
Quelle: Hermann Jack
Mit einer ganz starken Leistung und einer überragenden Torhüterin Tess Wester hat der VfL Oldenburg seine Chancen auf den vierten Platz in der Handball-Bundesliga und die damit verbundene Teilnahme am europäischen EHF-Pokal eindrucksvoll bewahrt. Im direkten Duell gegen Platz-Vier-Konkurrent HC Leipzig gewannen die Oldenburgerinnen am heutigen Sonntag mit 28:18 (13:9) und verkürzten den Rückstand auf den HCL auf zwei Minuspunkte. Erfolgreichste Leipziger Werferin war Luisa Schulze mit sieben Treffern. Beim Gastgeber glänzte Julia Wenzl mit zehn Toren.

"Jetzt haben wir uns mit einem Spiel alle Trümpfe aus der Hand nehmen lassen", ärgerte sich HCL-Trainer Norman Rentsch angesichts der nun für den VfL besseren und vielleicht entscheidenden Tordifferenz. Obwohl Rentsch in Anne Müller, Saskia Lang und Karolina Kudlacz drei unumstrittene Leistungsträgerinnen fehlten, kritisierte er sein Team stark: "In der Abwehr waren wir noch halbwegs gut, aber im Angriff hat mir der Mumm und die Konsequenz gefehlt. Das mache ich meiner Mannschaft absolut zum Vorwurf."

Der VfL knüpfte hingegen vor 1.045 Zuschauern in der EWE Arena fast nahtlos an die starke Leistung am Mittwoch beim Thüringer HC an, als der VfL nur knapp mit 32:35 unterlag. Im Offensivspiel hatte daran Angie Geschke ihren Anteil, die – anders als am Mittwoch – von Anfang an auf der Platte stand. Es nützte dem HCL auch wenig, dass Helena Hertlein die Oldenburger Mannschaftskapitänin zunächst eng deckte. Nach Luisa Schulzes 1:0 aus Gästesicht übernahm der VfL die Führung und gab sie nicht wieder ab. Bis zum zweiten Tor benötigte der HCL sieben Minuten (2:3/10.), und spätestens nach Michelle Urbichts 4:5 (13.), zogen die Oldenburgerinnen unwiderstehlich davon. Kreisläuferin Luisa Schulze warf das 5:9 erst nach knapp 21 Minuten.

Oldenburg hatte jetzt seinen Wunsch-Vorsprung herausgeworfen, vergrößerte ihn zunächst nicht mehr, ließ aber kaum in seiner Intensität nach. Mehrmals rettete Katja Schülke vor den von Geschke, Wenzl oder Müller bedienten Oldenburger Außen- oder Kreisspielerinnen, mehrmals rettete der Pfosten. "Wir hätten noch höher führen können, ja sogar müssen", sagte VfL-Coach Leszek Krowicki. Julia Wenzl, die scheinbar jede kleinste Lücke in den gegnerischen Abwehrreihen zu nutzen versteht, hielt den Vorsprung mit drei Toren im letzten Drittel der ersten Hälfte einigermaßen konstant.

Beim schleppenden Start in die zweite Hälfte bewahrte dann Tess Wester ihr Team vor einer Leipziger Aufholjagd. Schon in der ersten Halbzeit hatte die niederländische Nationaltorhüterin superstark gehalten – zehn Paraden bei neun Gegentoren. Nach dem Seitenwechsel ließ sie in den ersten neuneinhalb Minuten wieder nur einen einzigen Leipziger Treffer zu und löste dazu den Knoten ihrer Mannschaft in der Offensive durch einen Treffer aus dem eigenen Kreis, als Gegenüber Katja Schülke zu weit vor dem Tor stand, mit einem langen Pass Westers rechnete und nicht mehr rechtzeitig zurückkam (15:10/39.).

"Als ich den Ball losließ, wusste ich, der geht rein", sagte Wester. "Ich wollte immer mal ein Tor in der Bundesliga werfen." Zuletzt gelang ihr das Kunststück vor Jahren als junge Keeperin für VOC Amsterdam II, jetzt "war ich froh wie ein kleines Kind". Und nicht nur sie: Über kein Tor jubelte die Arena mehr als über das 15:10, bei dem sich Schülke im Rückwärtslaufen fast im eigenen Tornetz verfangen hätte – ein fantastischer Treffer. Nach Westers Tor trafen auch die Oldenburger Feldspielerinnen wieder. Bis zur 44. Minute schraubten die Gastgeberinnen das Resultat auf 20:12.

Es begann so etwas wie eine Dauer-Fete auf dem Spielfeld, weil vorne Tore fielen und weil hinten Torhüterin Wester eine Parade nach der nächsten verbuchte – insgesamt 25, eine Quote von über 58 Prozent. Währenddessen wurden die Gesichter beim gebeutelten HCL länger. Bezeichnend für die ganze Partie die Szene zum 19:12 (43.): Langer Pass von Wester, Urbicht und Hubinger laufen beim Abfang-Versuch ineinander, Geschke verwandelt. Die Schlusspunkte aus Oldenburger Sicht setzte wieder Wenzl, die zum 26:16, 27:17 und 28:18 den Zehn-Tore-Vorsprung sicherte – einmal per Siebenmeter und zweimal, weil sie eben wieder ganz genau wusste, wo sich die einzige kleine Lücke im Tor der guten Schülke befand.

In voller Besetzung ist Leipzig ungleich stärker, keine Frage. "Aber das war nicht entscheidend für die Leistung. Jede hat Ambitionen, jede will spielen", sagte Rentsch. Aber auch er weiß, seine Mannschaft ist enorm jung, am Ende spielte in Anna Lena Plate sogar eine 16-Jährige. Kollege Krowicki war zufrieden mit den Resultat, bemängelte aber noch "Phasen, in denen wir unkonzentriert auftraten". Jetzt beginnt beim VfL Oldenburg die Konzentration fürs Final Four am kommenden Freitag und Samstag in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg. Krowicki schickte bereits eine Kampfansage: "Der THC soll damit rechnen, dass wir es ihnen nicht zu leicht machen."

Aber auch der Thüringer HC ist gut drauf, gewann gestern das Bundesliga-Spitzenspiel gegen den Buxtehuder SV mit 32:26 und ist drauf und dran, zum fünften Mal Meister zu werden. In der Bundesliga spielt der VfL nur noch gegen den Tabellenachten Füchse Berlin – am letzten Spieltag am 23. Mai (18 Uhr, EWE Arena). Leipzig muss noch zweimal in der Liga ran: kommenden Mittwoch (19.30 Uhr) gegen VL Koblenz/Weibern und am letzten Spieltag beim THC.