29.03.2015 13:36 Uhr - 1. Bundesliga - PM Vereine, red

Leverkusens "Kindergarten" fehlt in Buxtehude nur ein Tor

Saisonaus für Anne JochinSaisonaus für Anne Jochin
Quelle: groundshots.de
Renate Wolf hatte Mühe,ihre Stimme und ihre Gedanken zu ordnen. "Ich habe ein paar Minuten gebraucht, um emotional runterzukommen", sagte die Cheftrainerin der Leverkusener Handball-Elfen, sichtlich bewegt von den vergangenen 60 Minuten: "Meine Mannschaft hätte heute mehr verdient." Mehr als die knappe 27:28 (15:15)-Niederlage beim Tabellenführer Buxtehuder SV, dessen Trainer Dirk Leun ebenfalls deutlich gezeichnet war: "Ich bin sehr, sehr froh über diesen Sieg." Lange hatten die jungen Elfen dem großen Favoriten Paroli geboten, auch das 28:27 durch Randy Bülau 96 Sekunden vor dem Ende schien noch nicht das Ende aller Träume zu sein, doch dann scheiterte Assina Müller 45 Sekunden vor dem Abpfiff von Linksaußen an der überragenden BSV-Torfrau Julia Gronemann - und der Favorit spielte die verbleibende Zeit cool herunter. Beste Werferinnen waren Johanna Heldmann mit sieben Treffern für Leverkusen sowie auf Seiten Buxtehudes Randy Bülau und Emily Bölk mit je fünf Treffern.

Das fünfte Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften in dieser Saison war an Spannung und Dramatik kaum zu übertreffen, Gerade mal 48 Sekunden waren gespielt,da erwischte es Leverkusens Routinier Anne Jochin. Von hinten flog ihr eine Gegenspielerin ans Knie, Jochin blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen und musste von der Platte getragen werden. "Kreuzbandriss" lautete die erste Diagnose von Buxtes Mannschaftsarzt, am Montag soll eine Untersuchung bei Professor Höher in Köln genauen Aufschluss über die Art der Verletzung geben. Für Jochin war das Spiel beendet, es wäre der zweite Kreuzbandriss einer Leverkusener Spielerin in Buxtehude, nachdem es vor einem Monat bereits Natalie Adeberg in der "Hölle Nord" erwischt hatte.

Renate Wolf musste also improvisieren, und sie zog alle Register. Pia Adams, Ramona Ruthenbeck, Anna-Maria Spielvogel, Elisa Burkholder, Johanna Heldmann, Anna Seidel - zeitweise stand mit Ausnahme der großartigen Torhüterin Valentyna Salamakha eine Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt von 19,6 Jahren auf der Platte.Und sie schlug sich bravourös, perfekt eingestellt von einer Trainerin, die fast alle im Handball denkbaren Situationen bereits erlebt und durchlebt hat. "Ich bin",sagte die eigentlich eher sachlich-nüchterne Renate Wolf mit deutlich belegter Stimme, "sehr, sehr, sehr stolz auf diese jungen Spielerinnen. Wir müssen keine Angst vor der Zukunft haben, diese jungen Leute werden ihre Lehren aus dem heutigen Spiel ziehen, sie werden daran wachsen."

Wie zum Beispiel Linkshänderin Johanna Heldmann, die vor allem in der ersten Hälfte über sich hinauswuchs und mit sieben Treffern erfolgreichste Werferin der Elfen war. Oder Jeje Rode, ebenfalls erst 19 Jahre alt und in vielen Situationen schon abgeklärt wie ein alter Hase, oder die unermüdlich rackernde Anna Seidel oder die immer mehr auf Bundesliga-Niveau heranwachsende Pia Adams, die es immer und immer wieder versuchte, obwohl sie von der robusten Buxtehuder Deckung nicht unbedingt zart in die Mangel genommen wurde. "Ich hatte es mir nicht so schwer vorgestellt", sagte Dirk Leun, und die Erleichterung war ihm deutlich anzusehen.

Es entwickelte sich ein temporeiches Spiel. Beide Mannschaften traten sehr engagiert auf und suchten mutig den Torabschluss. Buxtehude erarbeitete sich in den ersten zehn Minuten leichte Vorteile, entsprechend führte die Mannschaft von Trainer Dirk Leun nach zehn Minuten mit 5:3. Leverkusen ließ sich jedoch nicht abschütteln, außerdem schlichen sich ins BSV-Spiel wieder unnltige Fehler ein. Entsprechend kam zunächst zum 6:6 Ausgleich (14.) und ging nur vier Minuten später sogar mit 10:6 in Führung.

Dirk Leun reagierte und brachte Steffi Melbeck ins Spiel, die für diese wichtige Partie wieder in den Kader beordert wurde. Das allein brachte jedoch keine Wirkung, der starke Elfen-Rückraum zeigte sich überaus treffsicher und erhöhte sogar auf 10:6 (18.). Mit der Einwechslung von Emily Bölk und Ulrika Agren kam neuer Schwung ins Spiel des BSV, sodass die Gastgeberinnen bis zur Pause zum 15:15 Unentschieden herankamen.

Die ersten Minuten des zweiten Durchgangs gehörten erneut dem Tabellenführer. Zwei Treffer durch die gerade eingewechselte Lena Zelmel sowie Tore von Randy Bülau und Ulrika Agren brachten Buxtehude eine 19:16-Führung (38.) ein. In dieser Phase hatte der BSV ein halbes Dutzend bester Chancen auf der Hand, ließ diese jedoch aus. Eine Zeitstrafe gegen Ulrika Agren nutzten die Werkselfen, um auf 19:18 (40.) heranzukommen. Zwei Minuten später glichen die Gäste sogar zum 19:19 aus.

Bis zur 50. Minute legte der BSV stets vor, konnte sich aber nie auf mehr als zwei Tore absetzen. Als Leverkusen zehn Minuten vor dem Ende sogar mit 24:23 in Führung ging, drohte die Partie zu kippen. Jetzt aber war BSV-Torfrau Julia Gronemann zur Stelle, hielt ihre Mannschaft mit zahlreichen guten Paraden im Spiel und verdiente sich die spätere Auszeichnung zur Spielerin des Tages. Bis zum Ende wechselte die Führung ständig: Jana Podpolinski traf zum 25:24 (52.), Emily Bölk per Siebenmeter zum 26:25 (54.) und Anna Seidel traf für Leverkusen zum 27:26 (56.).

Beim Stand von 27:27 drei Minuten vor Schluss hätte Leverkusen die große Chance gehabt, die Partie für sich zu entscheiden, weil Buxtehudes Friederike Gubernatis eine Zeitstrafe erhielt. Mit großer Leidenschaft und etwas Glück verteidigte der BSV das eigene Tor und erzielte in Unterzahl sogar das 28:27 durch Randy Bülau gut 90 Sekunden vor dem Abpfiff. Da Julia Gronemann den letzten Wurfversuch der Gäste entschärfte und der BSV-Angriff clever die Zeit runterspielte, durften Mannschaft und Fans über den 12. Bundesliga-Sieg in Folge und die Verteidigung der Tabellenführung jubeln.

Am kommenden Wochenende geht es für die Elfen weiter, am Ostersonntag ist Frisch Auf Göppingen zu Gast in der Smidt-Arena (5. April/16.00 Uhr). Bis dahin steht auch die endgültige Diagnose für Anne Jochin fest. Gut möglich, dass die Jungen wieder ran müssen.