26.02.2014 10:28 Uhr - 2. Bundesliga - PM VfL Bad Wildungen, red

Tessa Cocx: "Die Zeiten, in denen man nur Handball spielt, sind vorbei."

Trainer Karsten Moos und vier der YoungsterTrainer Karsten Moos und vier der Youngster
Quelle: HSG Bad Wildungen Vipers
Mehr als ein Jahr ist bereits ins Land gegangen seit Karsten Moos "das „Wagnis“ des Cheftrainers in Bad Wildungen eingegangen" ist, vor kurzem rückte Kreisläuferin Tessa Cocx in den Trainerstab auf und bringt ihre Erfahrung vor allem in den "individuellen Trainings mit den jungen Mädels" ein. Im Interview mit dem Vipers-Pressedienst sprechen beide über die aktuelle Lage in Bad Wildungen, die "den Umkehrpunkt erreicht" hat und stellen fest, dass "die Belastung auf mehr Schultern verteilt werden muss".

Am Samstag haben über 750 Zuschauer ein mitreißendes und begeisterndes Handballspiel in der Bad Wildunger Ensehalle erlebt. Wie hast du das Spiel von der Seitenlinie gesehen?

Karsten Moos: Was wir als Mannschaft mit unseren Fans im Rücken am Samstag geboten haben, war der absolute Wahnsinn. In der Deckung haben wir uns von Minute zu Minute gesteigert und konnten so den Vorsprung kontinuierlich ausbauen. Auch im Angriff haben wir uns zu den vergangenen Spielen noch einmal deutlich gesteigert und der Ball lief sehr gut. Dies ermöglichte uns die Dortmunder Deckung immer wieder auseinander zu ziehen. So macht das natürlich an der Seitenlinie riesigen Spaß, wenn wir als Team solch eine hervorragende Leistung zeigen.

Die Partie gegen Dortmund war als Topspiel angekündigt worden – dennoch war es am Ende mit 31:23 ein deutliches Ergebnis. Hat der Gegner euch das Spiel einfach gemacht?

Tessa Cocx: Nein, die Dortmunder haben uns es sicherlich nicht einfach gemacht. Sie haben gefightet und gekämpft und haben auch ein paar Mal den Rückstand wieder verkürzt. Aber sie haben als Einzelspielerinnen gespielt, und wir als Mannschaft. Und da merkt man dann, dass unser Teamgeist sehr ausgeprägt ist und er in engen Partien den Unterschied macht.

Der Auswärtssieg in Dortmund in der Hinrunde war mit 20:28 ebenfalls deutlich. Wie beurteilst du den bisherigen Saisonverlauf?

Karsten Moos: Auch in Dortmund haben wir eine sehr starke Leistung gezeigt. Alle Spielerinnen sind dort absolut an ihre Grenzen gegangen und wir konnten dieses Spiel klar gewinnen. Wir wussten allerdings auch, dass wir uns im Gegensatz zu den ersten Saisonspielen gehörig steigern mussten, um in Dortmund auch punkten zu können – was wir auch taten. Insgesamt bin ich mit dem bisherigen Saisonverlauf sehr zufrieden.

Wir haben den Schwung einer guten Vorbereitung mit in die Saison nehmen können. Gerade der Auftaktsieg gegen Mainz war sehr wichtig. Leider haben wir dann in Allensbach unsere Leistung nicht abrufen können und haben dort die Punkte liegen lassen. Im Nachhinein betrachtet war es vielleicht auch ein Weckruf genau zur richtigen Zeit, denn in der Folgezeit steigerten wir uns spielerisch Stück für Stück. Natürlich gab es bis Dezember auch immer wieder „Hochs“ und „Tiefs“. Allerdings ist dies auch ein Stück weit normal bei unserem kleinen Kader. Auch aus der kurzen Winterpause sind wir solide gestartet.

Ein Großteil der bisherigen Partien war am Ende durch ein knappes Ergebnis geprägt. Gibt es dafür noch andere Erklärungen als nur den Zuschauern ein spannendes Spiel zu bieten?

Karsten Moos: Es gab viele enge Spiele aus unserer Sicht, die wir aber meist für uns entscheiden konnten – das spricht für die Mannschaft. Sie geht momentan zusammen durch dick und dünn und kann, gerade wenn es eng wird, auf ihre Erfahrungen zurückgreifen. Jedoch zeigt es auch, dass keine der Mannschaften in der 2. Liga zu unterschätzen ist und wir uns konstant auf einem guten Niveau präsentieren müssen. Aufgrund unserer Kadergröße gelingt es uns noch nicht, über 60 Minuten an unserem höchsten Limit zu spielen.

Zudem waren die jungen Spielerinnen zu Beginn der Saison noch nicht so weit, um dies abfangen zu können. Allerdings haben sie sich in den letzten Monaten sehr gut weiterentwickelt und bieten sich nun vermehrt an, ihre Chancen im Spiel zu erhalten, was natürlich auch für die erfahrenen Spielerinnen von Spiel zu Spiel wichtiger wird, damit sie kurze Erholungsphasen während eines Spiels bekommen. Denn die bisherige Belastung war schon gigantisch für meine Mannschaft und sorgt auch für die wellenförmigen Spielverläufe.

Mit Tessa wurde zu Jahresbeginn eine erfahrene Spielerin ins Trainerteam berufen. Wie kann man sich die neuen Abläufe und Aufgaben vorstellen?

Karsten Moos: Es war ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung der HSG Bad Wildungen Vipers. Tessa verfügt über sehr viel Erfahrung und hat bisher schon viele Jahre Bundesligahandball erlebt. Wir haben auch schon vor ihrer Berufung viel über die taktischen Abläufe und den kommenden Gegner gesprochen. Generell bringt die Erfahrung in allen Teilbereichen eine Weiterentwicklung. Der wichtigste Bestandteil ist die Karriereplanung der jüngeren Spielerinnen. In enger Zusammenarbeit wollen wir gemeinsam für die jungen Handballerinnen individuell abgestimmte Ansatzmöglichkeiten erarbeiten, damit sich die weniger erfahrenen Spielerinnen in ihrer Persönlichkeit, im Arbeitsalltag sowie im Handball weiterentwickeln können. Dies ist für sie eine wahnsinnige Belastung, denn neben einem Studium oder einer Berufsausbildung und den Mannschaftstrainings stehen noch zusätzliche Übungen auf dem Programm.

Tessa, als Co-Trainerin bist du nun mit zahlreichen neuen Aufgaben betraut. Wo liegen die Schwerpunkte deiner Arbeit?

Tessa Cocx: Im Moment sind wir hauptsächlich dabei, unseren Kader für die nächste Saison zu planen. Erst haben wir mit allen Mädels aus unserem jetzigen Kader gesprochen, weil wir natürlich diese tolle Mannschaft zusammenbehalten möchten. Außerdem laufen zurzeit auch zahlreiche Gespräche mit potenziellen Neuzugängen.

Am meisten Spaß machen mir aber die individuellen Trainings mit den jungen Mädels. Sie sind sehr ehrgeizig und wollen noch so viel lernen, was sich in jeder Spielvorbereitung bemerkbar macht. Die Fortschritte, die wir im Einzeltraining erarbeiten, müssen dann im Mannschaftstraining und in den Spielen umgesetzt werden. Durch diese Entwicklung in den letzten Wochen haben sich die Mädels auch immer mehr Spielanteile verdient.

Bald werden auch Besprechungen mit den Arbeitgebern der Spielerinnen stattfinden, um die Kombination von Beruf und Sport noch besser zu verbinden. Hierdurch haben die Mädels, zum Beispiel auch mehr Möglichkeiten Kraft- und Ausdauertraining durchzuführen.

Zudem kann ich noch bei weiteren Aufgaben meine Erfahrung einbringen, wie z. B. Videoanalyse und Vorbereitung auf das nächste Spiel, Planung von Trainingseinheiten, Schwerpunkte im Training usw. … – eigentlich ganz schön viel! :-)

Tessa, für die jungen Spielerinnen bist du mehr als nur ein sportliches Vorbild. Wie kannst du gerade die Vipers-Talente in ihrer Entwicklung unterstützen?

Tessa Cocx: Ich denke, dass es für die jungen Mädels am wichtigsten ist, viel Vertrauen und Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Weg zur absoluten Topspielerin ist lang und beschwerlich, mit Höhen, aber leider auch mit vielen Tiefen. Auf diesem Weg muss man viel Geduld haben und über solche Dinge rede ich viel mit den Mädels. Es ist auch wichtig, dass man den Spaß an der Sache nicht verliert und man auch mal abschalten kann. Deswegen machen wir des Öfteren auch mal gemütliche Abende, wo mal nicht über Handball gesprochen wird!

Mit dem ersten Tabellenplatz stehen die Vipers im ersten Tabellendrittel. Ist das Saisonziel erreicht?

Karsten Moos: Mehr als ein Jahr ist nun vergangen, als ich das „Wagnis“ des Cheftrainers in Bad Wildungen eingegangen bin. Keiner wusste zu diesem Zeitpunkt zu 100%, ob es mit der GmbH weitergeht. Dennoch entschied ich mich damals für den Verbleib, denn ich wollte helfen, die Vipers umzustrukturieren und auf solide Füße zu stellen. Schnell hatten die Geschäftsführung und ich die gleiche Wellenlänge in vielen Punkten gefunden und so konnte die Planung der Zukunft rasch beginnen.

Mittlerweile haben wir den Umkehrpunkt erreicht – wir können an vielen Punkten wieder eine Weiterentwicklung verzeichnen und können somit auf eine geschaffene Grundlage zurückgreifen. Auch da möchte ich den aktuellen Spielerinnen ein Kompliment aussprechen, dass sie ihr Vertrauen gegenüber den Vipers und dem damit verbundenen Gesamtkonzept ausgesprochen haben. Wenn die Saison jetzt schon beendet wäre, wäre das Saisonziel aus sportlicher Sicht mehr als erreicht. Aber wir haben noch 10 harte Spiele vor uns und deshalb interessiert mich die Tabelle nicht wirklich. Weiterhin zählt für mich, von Spiel zu Spiel zu schauen und dann können wir am Ende der Saison sehen, was wir gemeinsam erreicht haben.

Die Vipers sind dank neuer Strukturen, Konzepte und natürlich dank der sportlichen Leistung wieder ein attraktiver Handballstandort geworden. Wie sehen denn die Planungen für die kommende Bundesligasaison aus?

Karsten Moos: Die kontinuierliche Arbeit in allen Bereichen hat sich sehr gelohnt. Dies wirkt sich auch auf die bisherigen Vertragsverhandlungen aus. Insgesamt möchten wir uns in einigen Mannschaftsteilen verstärken und den aktuellen Kader erweitern, um in den Spielen noch mehr Konstanz und Tempo zeigen zu können. Denn der bisherige Saisonverlauf zeigt deutlich auf, dass die Belastung auf mehr Schultern verteilt werden muss.

Die Vipers sind in der Region wieder zu einem richtigen Sympathieträger geworden. Die Begeisterung für Frauenhandball ist erneut vorhanden und auch das Umfeld hat sich positiv weiterentwickelt. Macht sich dieser Eindruck auch bei den Gesprächen mit potenziellen neuen Spielerinnen bemerkbar?

Tessa Cocx: Ja, auf jeden Fall! Über die Vergangenheit wird überhaupt nicht mehr gesprochen – nur darüber, wie gut jetzt alles funktioniert. Der sportliche Erfolg hat natürlich einen großen Anteil daran, aber man hört auch immer wieder, dass der Verein eine sehr sympathische Ausstrahlung hat. Das hat natürlich viel mit unseren Fans und der familiären Stimmung im Verein und in der Mannschaft zu tun.

Das Konzept von Beruf und Sport ist ein wesentlicher Baustein bei den Vipers. Kommt dieses Modell gut an?

Tessa Cocx: Ja, das kommt sehr gut an. Die Zeiten, in denen man nur Handball spielt, sind vorbei. Spielerinnen wissen, wie wichtig es ist, sich neben dem Handball eine Zukunft aufzubauen und das wird bei uns sehr gut gemacht. Da gilt natürlich ein großer Dank an unsere Sponsoren, die uns immer wieder Arbeits- und Ausbildungsstellen ermöglichen.

Am nächsten Samstag erwartet die Vipers das Auswärtsspiel in Nellingen. In der Hinrunde gab es vor heimischer Kulisse ein Unentschieden – was erwartest du von der anstehenden Partie, Karsten?

Karsten Moos: Das Spiel in Nellingen wird wieder eine ganz andere Herausforderung. Nellingen spielt einen anderen Stil als der BVB. Zudem ist Nellingen sehr heimstark und möchte natürlich zu Hause die nötigen Punkte für den Klassenerhalt einfahren. Nichtsdestotrotz fahren wir als klarer Favorit nach Nellingen und wollen dieser Rolle auch gerecht werden. Deshalb möchten wir die Punkte aus Nellingen auch mit nach Hause nehmen. Die letzten Spiele geben uns dafür auch den nötigen Rückenwind.

Zum Schluss – beim nächsten Heimspiel ist am 8. März SV Union Halle-Neustadt in der Ensehalle zu Gast. Deine erste Einschätzung zum Spieltag?

Tessa Cocx: Das Spiel ist noch sehr weit weg, wir konzentrieren uns erst einmal auf Nellingen. Aber beim Auswärtsspiel in der Hinrunde haben wir uns sehr schwer getan und nur knapp gewonnen. Wir wissen, dass jeder Gegner gegen uns sehr heiß ist und das wird beim Spiel gegen Halle nicht anders sein. Sie haben ein sehr gutes Team, das aber bislang noch nicht sein ganzes Potenzial abgerufen hat. Wir sind gewarnt – aber haben Vertrauen in unsere Stärke als Mannschaft. Die letzte Zeit haben wir immer wieder bewiesen, dass wir vor allem vor heimische Kulisse nur schwer zu schlagen sind!