01.12.2013 12:02 Uhr - Weltmeisterschaft - Martin Kloth, dpa und Christian Stein

"Schock" und "Katastrophe": WM-Aus für Spielmacherin Wohlbold

In den Anfangsminuten zeigte Kerstin Wohlbold ihre DynamikIn den Anfangsminuten zeigte Kerstin Wohlbold ihre Dynamik
Quelle: Michael Heuberger


Kerstin Wohlbold wird verletzt vom Parkett geführtKerstin Wohlbold wird verletzt vom Parkett geführt
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Das hat den deutschen Handball-Frauen gerade noch gefehlt: Die WM in Serbien müssen sie ohne ihre Spielmacherin bestreiten. Kerstin Wohlbold muss nach einem im gestrigen Länderspiel gegen Schweden erlittenen Kreuzbandriss operiert werden. Bundestrainer Heine Jensen nominierte Saskia Lang nach. Anja Althaus erklärte: "Das ist mal wieder so ein Fall, da müssen wir als Mannschaft zusammenstehen."

Für Bundestrainer Heine Jensen war es ein "Schock", für Nationalspielerin Anja Althaus eine "Katastrophe": Die deutschen Handball-Frauen müssen bei der WM in Serbien ab Samstag ohne ihre Spielmacherin Kerstin Wohlbold auskommen. Beim mühevollen 30:28 (15:12)-Testspielerfolg gegen Schweden zog sich die 29-Jährige am Samstag in Hamm schwere Verletzungen im rechten Knie zu. Wegen eines Kreuzbandrisses sowie lädierter Menisken muss Kerstin Wohlbold operiert werden und fehlt nicht nur bei der WM, sondern auch dem deutschen Meister Thüringer HC auf unabsehbare Zeit.

"Das ist ein Schock und ein harter Schlag für uns alle", sagte Jensen unmittelbar nach der niederschmetternden Diagnose. Dann aber reagierte der Däne unerwartet flugs: Nur wenig später nominierte er Saskia Lang nach. Die Rückraumspielerin aus Leipzig sollte bereits zur zweiten Partie gegen Schweden am Sonntag in Leverkusen im Aufgebot stehen. "Saskia ist eingespielt und mit den Abläufen der Mannschaft bestens vertraut", begründete Jensen seine rasche Wahl.

Ersetzen aber wird sich Wohlbold nicht lassen. Sie ist Denkerin und Lenkerin im Spiel, Antreiber und kämpferisches Vorbild in einem. "Kerstin ist für uns eine sehr, sehr wichtige Spielerin", sagte der Bundestrainer, "Kerstins Pech tut uns allen sehr leid - in erster Linie für Kerstin, aber auch für den Thüringer HC und die Nationalmannschaft."

Dabei sah zunächst alles harmlos aus. In der neunten Spielminute wollte die gebürtige Friedrichshafenerin einen im Angriff verlorenen Ball zurückerobern. Im Zweikampf mit einer Schwedin machte sie eine handballerische Allerweltsbewegung - mit fatalen Folgen. Mit einem durchdringenden Schmerzensschrei brach sie zusammen. Eine gefühlte Ewigkeit lag die Spielmacherin zusammengekrümmt auf dem Parkett. Die Schiedsrichter ließen erst den schwedischen Gegenangriff mit einem Tor abschließen, ehe Mannschaftsarzt Egbert Mehlhorn und Physiotherapeutin Edith Pastoors zur Behandlung aufs Feld durften. "Das sah nicht gut aus", gestand Heine Jensen später.

Gestützt auf die Helfer und mit einem Eisbeutel auf dem Knie wurde Kerstin Wohlbold aus der Halle geführt und direkt ins St. Marien-Hospital in Hamm gefahren. Dort erbrachte die Untersuchung die Diagnose. "Das ist eine Katastrophe und für Kerstin ganz, ganz schlimm", sagte Kreisläuferin Anja Althaus mitfühlend. Die Clubkollegin vom Thüringer HC richtete aber auch den Blick schon wieder nach vorn auf die WM, wo am Samstag in Novi Sad Außenseiter Australien der Auftaktgegner ist. "Das ist mal wieder so ein Fall, da müssen wir als Mannschaft zusammenstehen."

"Natürlich war das für uns ein Schock", erklärte Anna Loerper, derenErfafhrung von fünf Weltmeisterschaftsteilnahmen nun gefragt ist. Auch wenn die 29-Jährige mit Blick auf die für Wohlbold gegen Schweden spielende Naidzinavicus erkannte: "Kim hat ihre Sache wirklich gut gemacht." Jensen hatte bereits am späten Abend reagiert und mit Saskia Lang zudem noch eine variable Rückraumspielerin nachnominiert.

Bundestrainer Heine Jensen hatte im Test gegen Schweden wieder auf die zuletzt vermissten Rückraumspielerinnen Kim Naidzinavicius, Anne Hubinger und Nadja Nadgornaja zurückgreifen. Das Trio hatte bei den EM-Qualifikationsspielen gegen Russland (32:27; 28:29) jeweils wegen Handbrüchen gefehlt. Aus seiner Wunschformation fehlen somit nur Torhüterin Katja Schülke und Kapitän Isabell Klein, die jeweils ihr erstes Kind erwarten, die am Knie operierten Kreisläuferin Anne Müller und nun auch Wohlbold.

Einig war man sich in beiden Lagern bei der Frage der entscheidenden Spielerin. "Sie hat uns ein paar Mal gerettet", meinte Heine Jensen über Clara Woltering und auch Schwedens Rechtsaußen Natalie Hagman räumte ein: "Die deutsche Torhüterin war einfach sehr gut." Uneinigkeit herrschte bei den Schwedinnen in der Beurteilung ihrer Schwachstellen. Während Jamina Roberts angesichts der 30 kassierten Gegentore mit der Abwehrarbeit haderte, bemängelte Hagman eher die schwache Chancenverwertung. "Wir sprechen von einem guten Spiel, wenn wir den Gegner unter 25 Toren halten. Das ist uns trotz Wahnsinnsparaden von Clara nicht gelungen", gab Anna Loerper eine Einordnung des DHB-Teams ab

"Wir haben in der Abwehr nicht das gespielt, was wir können", analysierte Heine Jensen und fand, dass die unter der Woche neu eingeübte 5:1-Formation "besser funktionierte als die 6:0". Und Jensen mahnte: "Mit so einer Leistung wie heute haben wir es schwer bei der WM." Schließlich fehlten beim Gegner, dem bei den Titelkämpfen in Serbien nur die Zuschauerrolle bleibt, mit Isabelle Gullden und Johanna Ahlm die etatmäßigen Spielmacherinnen. "Da müssen wir uns deutlich steigern", fordert der Däne. Die Gelegenheit hat sein Team bereits in wenigen Stunden, wenn man in Leverkusen um 16 Uhr erneut auf die Tre-Kronor trifft.