29.06.2012 10:55 Uhr - Jugend/Juniorinnen - Julia Nikoleit - handball-queen.de

Handball als Familienangelegenheit: Im Gespräch mit der ersten Trainerin von Christian Schwarzer

Kim BerndtKim Berndt
Quelle: Hermann Jack


Andrea Berndt mit ihrer JugendmannschaftAndrea Berndt mit ihrer Jugendmannschaft
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Die Verbindungen der Familie Berndt zum Handball sind eng: Mutter Andrea, die früher selbst aktiv war, ist Trainerin und Jugendwartin beim HV Lüneburg, ihr Mann Reinhard ist Spielwart des Vereines, Schwägerin Sigrid war deutsche Nationalspielerin und Tochter Kim läuft für die HSG Blomberg/Lippe in der Bundesliga auf. Julia Nikoleit besuchte für handball-queen.de Andrea Berndt und sprach mit ihr über ihr Leben im Zeichen des Handballs.

Tage, an denen Andrea Berndt mit Handball nichts zu tun hat, gibt es eigentlich nicht. Irgendetwas sei immer, wie die 52-Jährige es formuliert: "Ich stehe zwar „nur“ zweimal die Woche in der Halle, plus die Spiele am Wochenende, aber dazu kommt viel Organisationskram." Als Jugendwartin des HV Lüneburg (HVL) hat sie für alles leider nie genug Zeit, denn die Spielgemeinschaft stellt insgesamt 16 Jugendmannschaften, von der A-Jugend bis zu den „Sumis“, der Ballsportgruppe für Drei- bis Sechsjährige.

Selbst trainiert Andrea Berndt die weibliche A- und B-Jugend, die sie in der D-Jugend übernahm und bis in die Oberliga geführt hat. 2011 wurden ihre Mädels sogar zur „Mannschaft des Jahres“ in Lüneburg gewählt. Andrea Berndt: "Das war natürlich eine tolle Auszeichnung. Da war ich sehr stolz auf die Mädels und unsere Leistung." Die damalige C-Jugend hatte sich in der Saison 2010/11 die Landesligameisterschaft, die Niedersachsenmeisterschaft und die norddeutsche Vizemeisterschaft erkämpft - so war der Titel der „Mannschaft des Jahres“ auch durchaus verdient. In der kommenden Saison werden die Mädchen als A- und B-Jugend an den Start gehen.

Bereits Mitte der Siebzigertrainierte die heutige Grundschullehrerin ihre ersten Mannschaften, damals noch parallel zu ihrer eigenen Spielerkarriere. Ihr wohl bekanntester ehemaliger Spieler? Weltmeister Christian Schwarzer. „Blacky“, heute DHB-Jugendkoordinator, begann in der D-Jugend bei der TSG Bergedorf mit dem Handball – unter der Leitung von Andrea. Sie grinst: "Er war damals schon sehr ehrgeizig und wusste genau, was er wollte. Erst hat er sich ins Tor gestellt und war auch sehr gut, doch irgendwann wollte er doch wieder raus."

Von Bergedorf zog es Andrea Mitte der Achtziger nach Lüneburg. In der A-Jugend, die sie dort übernahm, spielte Tine Lindemann, die später über lange Jahre das Tor der Nationalmannschaft hüten würde. "Mit Tine habe ich heute noch sporadischen Kontakt. Wir haben uns auch mal bei einem Spiel von Kim in Blomberg getroffen", erzählt sie. Apropos Tochter: Kim wuchs in Wendisch Evern auf und das "von Anfang mit einem Ball in der Hand und in der Halle", lächelt Andrea. Im Gegensatz zu vielen Mädchen, die nur aus Spaß an der Freude spielen, wusste Kim genau, was sie wollte. Andrea erinnert sich: "In Freundschaftsbücher, die in der Grundschule immer rumgegeben wurden, hat sie als Berufswunsch `Handballprofi` geschrieben."

Als sie das erzählt, ist Kim gerade die Treppe runtergekommen und hört die Worte. Sie grinst und nickt. Dass die 21-Jähirge gerade ihren Traum lebt, ist ein Erfolg, den sie auch ihrer Mutter zu verdanken hat, die sie von der D-Jugend bis zur B-Jugend trainierte. 2006 wechselte Kim mit 15 Jahren zusammen mit einer Freundin aus der Niedersachsenauswahl ins Handballinternat nach Blomberg, in der A-Jugend wurde sie dort Deutsche Meisterin.

Für ihre Mutter war der Wechsel ein überraschender Schritt: "Ich hätte nicht gedacht, dass sie das wirklich macht. Kim hatte zuerst ein Angebot aus Halle an der Saale. Das Internat dort haben wir uns angeguckt. Ihre Freundin ging nach Blomberg und das haben wir uns auch angeschaut. Hier gefiel es Kim besser." Und natürlich ist sie sehr stolz auf ihre Tochter: "Ich freue mich wahnsinnig für sie. In der letzten Saison hatte sie auch sehr viele Spielanteile."

Dass sich Kim in Blomberg bei der HSG wohlfühlt und fest in die Planungen für die Bundesliga gehört, zeigt neben den hohen Spielanteilen auch die Vertragsverlängerung bis 2014. "Ich fühle mich hier sehr wohl und bekomme in der Bundesliga meine Spielanteile. Das ist viel wert. Und zudem kann ich mein Studium in Paderborn fortsetzen", so Kim Berndt, die Mathematik und Sport auf Grundschullehramt studiert. Für Mutter Andrea heißt das: Noch zwei Jahre nach Blomberg fahren, um ihrer Tochter zuzugucken: "Immer, wenn es geht, fahren mein Mann und ich nach Blomberg, um sie spielen zu sehen."

Begleitet werden sie dabei manchmal von Schwägerin Sigrid Berndt. Die 59-Jährige war in den Siebzigern deutsche Nationalspielerin - sie erreichte unter anderem Platz acht bei der WM 1978 in der damaligen Tschechoslowakei - und mehrmalige Deutsche Meisterin mit Bayer Leverkusen. 1979 wurde sie sogar zur „Spielerin des Jahres“ gewählt. Stolz sei sie nicht auf ihre Erfolge, schreibt sie auf der Website des HVL, aber "aber zufrieden mit meiner Leistung als Handballerin bei Bayer 04 Leverkusen und in der Nationalmannschaft".

Volker Schneller, einst Bundestrainer der Frauen und erfolgreicher Bundesligacoach erinnert sich: "In der Nationalmannschaft konnte ich noch nicht und in Leverkusen nicht mehr mit ihr arbeiten. Schade. Denn sie war eine außergewöhnliche Spielerin. Aber als ich 1984 nach Leverkusen kam, hatte sie sich bereits entschieden, ihre Laufbahn dort nicht mehr fortzusetzen und kürzer zu treten. Zu einem Zeitpunkt, als sie immer noch zu den Besten zählte."

Andrea Berndt hat - anders als Schwägerin und Tochter - nicht in der Bundesliga gespielt. "Bei mir ging es nur hoch bis zur Regionalliga", erinnert sie sich. Es macht ihr aber nichts aus, sie geht in ihrem Trainerjob auf. Von den Minis bis zur A-Jugend hat sie fast alles trainiert, sowohl bei den Jungen als auch bei den Mädchen. "Es gibt einen großen Unterschied zwischen Mädchen und Jungen: Wenn ich einem Jungen sage: „Fall“, dann fällt er. Die meisten Mädchen würden das nicht machen. Aber meine B-Jugend habe ich, was das angeht, gut erzogen, die fetzen sich voll rein."

Was für Wünsche lässt so ein Handballleben noch offen? Darüber muss Andrea lange nachdenken: "Natürlich könnte ich mir wünschen, dass wir merh Trainer haben. Oder auch ein Handballinternat wie in Blomberg aufbauen könnten. Oder Sponsoren. Oder eine eigene Halle. Ja, ich glaube, das wäre es. Eine eigene Handballhalle für den HVL mit Tribünen und Beachplätzen drum herum." Sie lächelt. Ein schöner Traum - denn in der Realität wäre wahrscheinlich sie dafür zuständig, diese Sponsoren zu suchen. Training, Organisation, viel Verantwortung. Wird ihr das nicht manchmal alles zu viel? Andrea grinst: "Ich muss zugeben, dass ich manchmal keine Lust auf das Training habe. Aber auf die Spiele immer - denn ich weiß, dass wir gewinnen werden, wenn die Mädchen das tun, was ich sage und wir mit dem Gegner auf Augenhöhe sind."