29.07.2011 14:37 Uhr - 2. Bundesliga - Thomas Croy - Freie Presse

Emi Uchibayashi: Eine Handballerin auf erfolgreicher Radtour durch Japan

Emi UchibayashiEmi Uchibayashi
Quelle: privat
Zwar ist Emi Uchibayashi schon seit ein paar Tagen zurück aus Japan, in ihren Keller traut sie sich aber noch nicht. Denn dort steht ein Fahrrad. Ein Anblick, der schmerzhafte Erinnerungen wecken würde. Mit dem Drahtesel ist die Handballerin vom Zweitligisten BSV Sachsen im Urlaub von ihrem Heimatort Yamato, westlich von Yokohama, nach Rikuzentakata in der Präfektur Iwate geradelt. Dort wollte sie das bei einer Spendenaktion des Handballvereins gesammelte Geld für die Betroffenen der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom 11. März persönlich übergeben.

Die 31-Jährige war das erste Mal seit dem Tohoku-Beben wieder in Japan. Ihr Wohnort ist weit vom Katastrophengebiet entfernt. Dort sind kaum Auswirkungen spürbar: Wegen der Stromeinsparungen waren lediglich die Geschäfte nicht – wie sonst im Sommer üblich – klimatisiert. Die Folgen des Tsunamis spielten aber eine große Rolle in den Gesprächen mit der Familie und Freunden. Ihre Mutter machte sich vor Emis Aufbruch zur Radtour Sorgen wegen der Strahlenbelastung vom havarierten Atomkraftwerk Fukushima. „Aber sie weiß ganz genau, wenn ich mich für etwas entschieden habe, bringt mich nichts davon ab“, sagt die Handballerin.

Emi Uchibayashi hatte sich extra vorher ein neues Fahrrad gekauft. Mit Vollgummireifen, um gewappnet gegen Pannen zu sein. Das erschwerte das Treten, zumal sie im Korb vor ihrem Lenker noch einen Riesenrucksack transportierte. Ursprünglich hatte sie 500 Kilometer in fünf Tagen geplant; am Ende wurden es jedoch 600 Kilometer in drei Tagen. Der geplante Zwischenstopp für ein Training mit Kindern in Motomiya musste verschoben werden, weil sie es sonst nicht rechtzeitig zum Termin für die Übergabe der Spendengelder an den Oberbürgermeister von Rikuzentakata geschafft hätte – eine organisatorische Panne. In der ersten Nacht gönnte man sich deshalb nur vier Stunden Schlaf, die beiden anderen Nächte wurden durchgefahren.

„Das war für mich fast grenzwertig.“ Schlimmer als Handballtraining? „Anders. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich das nochmal machen möchte, wäre meine Antwort wahrscheinlich nein.“ Am ersten Tag schmerzte das Gesäß, am zweiten Tag der Rücken. „Am dritten Tag hatte ich keine Kraft mehr. Ich habe keine Muskeln mehr gespürt. War richtig schlapp.“ Begleiterin Nao Mitani (22), die im März ihr Studium abgeschlossen hat, ist auf der Straße vom Rad gestürzt und schlug sich das Knie auf, fuhr aber weiter. Zwischendurch, wenn es gar nicht mehr ging, legten beide eine kurze Rast ein – mal zehn Minuten, auch mal eine halbe Stunde für ein kurzes Nickerchen. Trotz der Strapazen gab es unterwegs keinen Zeitpunkt, an dem Emi ans Aufhören dachte. „Ich wollte das durchziehen. Schließlich war ich aufgebrochen, um den Leuten Mut zu geben. Da konnte ich doch nicht aufgeben!“

Das selbst gesetzte Ziel wurde allerdings nicht ganz erfüllt: Sie wollten eigentlich am Mittwoch, 15 Uhr, ankommen, der Bürgermeister von Rikuzentakata hatte sich extra Zeit genommen. Da waren die beiden Extremsportlerinnen aber noch in Sendai. Zwar hatten sie eine Betreuerin mit dem Geld vorausgeschickt, doch kurzerhand entschied man, die Übergabe auf den nächsten Tag zu verlegen. Die beiden Handballerinnen sind die ganze Nacht durchgeradelt. Das Strampeln durch die zerklüftete Küstenlandschaft machte ihnen zu schaffen. „Das war Wahnsinn! Entweder es ging bergauf oder steil bergab. Das war richtig anstrengend“, erinnert sich die 31-Jährige. Um Mitternacht wurden sie von der japanischen Polizei angehalten und gefragt, wo es hingehen soll. Der Freund und Helfer machte seinem Namen alle Ehre. Als Eskorte fuhr das Polizeiauto hinter den Rädern her. Scheinwerfer ersetzten die fehlende Straßenbeleuchtung.

Am Donnerstag früh um 7 Uhr war das Ziel endlich erreicht. „So richtig freuen konnte ich mich gar nicht. Ich war einfach kaputt“, verrät Emi Uchibayashi. Ihre Freundin Nao Mitani hat nur geweint – vor Freunde, dass die Strapazen vorbei sind. Nach einer schnellen Dusche ging es zum provisorischen Rathaus von Rikuzentakata, wo der Oberbürgermeister die Spenden in Empfang nahm. Die Handballerin hatte daheim weiter gesammelt. Insgesamt 350.000 Yen (etwa 3.100 Euro) kamen zusammen, die den Menschen in den Notunterkünften, die alles verloren haben, helfen sollen. Die kleine Rechtsaußenspielerin des BSV Sachsen beließ es nicht bei der Geldübergabe. Als Diplom-Sportlehrerin gab sie Gast-Unterricht bei Kindern der Hirota-Mittelschule von Rikuzentakata. „Die hatten noch nie Handball gespielt“, berichtet Emi Uchibayashi. Die Sportstunde fand in der Turnhalle der Grundschule statt, die vom Tsunami verschont geblieben ist. „Die hatten richtig Spaß und haben gelacht.“ Für ein paar Stunden konnten sie ihr schweres Schicksal vergessen.

Zwar kannte sie die Bilder der Zerstörung aus dem Fernsehen, war aber geschockt, als sie die Ortschaften, die vom Tsunami zermalmt wurden, mit eigenen Augen sah und die Leidensgeschichten von Betroffenen geschildert bekam. „Richtig begriffen habe ich das ganze Ausmaß erst, als ich in die Küstenregion gekommen bin“, sagt die 31-Jährige beim nochmaligen Betrachten der Fotos auf ihrer Digitalkamera. „Da kann man wirklich nur froh sein, dass man gesund ist und ein normales Leben führen darf.“ Emi wurde nachdenklich: „Es gibt viele Länder, in denen Menschen Hilfe brauchen. Am schlimmsten ist es dort, wo kein Fernsehteam hinkommt.“ Ihr großer Wunsch ist es, dass sich mehr Leute Gedanken machen, wie sie anderen helfen können. Auch kleine Gesten können Großes bewirken.

Die Sportlerin ist von Natur aus zielstrebig. Die 600-Kilometer-Radtour hat sie aber auch an neue Erkenntnis-Grenzen gebracht. Es sei für sie einmalig gewesen zu erleben, wie die Japaner in so einer schwierigen Situation füreinander da sind. „Das Ziel schien so weit, dass wir nicht glauben konnten, irgendwann anzukommen. Aber wir haben es geschafft.“ Kilometer für Kilometer. Schritt für Schritt. Das hat sie auch den Schülern aus Rikuzentakata ans Herz gelegt: „Man sieht nicht immer das Ziel. Es gibt oft keine Hoffnung. Aber wenn man vorwärtsgeht und nicht aufgibt, dann erreicht man das Ziel.“ Wie die japanische Frauen-Fußballnationalmannschaft, deren Titelgewinn bei den Weltmeisterschaften 2011 den Landsleuten daheim neue Kraft gegeben hat.

Ihr nagelneues Fahrrad hat Emi übrigens einem 76-jährigen Mann geschenkt, der als einziger in seinem Heimatort geblieben ist. Der hatte mit ansehen müssen, wie sein Sohn – ein Feuerwehrmann, der anderen zu Hilfe eilen wollte – vom Tsunami fortgespült wurde. An ihn und all die Menschen in der Erdbebenregion wird die Handballerin künftig stets denken, wenn sie in den Keller geht, um ihr Rad herauszuholen.