27.07.2011 08:48 Uhr - 1. Bundesliga - Gerd Heizmann, PM HSG Wittlich

Katja Schülke: "Das Riesengefühl, ein Held zu sein"

Katja SchülkeKatja Schülke
Quelle: Michael Heuberger
Im vierten Jahr hütet Katja Schülke das Tor des HC Leipzig. 2008 kam die 27-Jährige nach einem Meistertitel und einem Pokalsieg vom FHC Frankfurt/Oder nach Sachsen, wurde dort zweimal Meister und erreichte 2009 das Finale des EHF-Pokals und schaffte es danach mit dem HCL zweimal in Folge unter die besten acht Teams in der Champions League. In der Nationalmannschaft ist die Lehramtsstudentin (Sport und Deutsch) mittlerweile gesetzt, auch wenn es - wie Schülke es selbst sagt - keine Nummer eins in der DHB-Auswahl gibt. Im Interview mit dem Gerd Heizmann äußert sich die Torfrau zu ihrem Verein, dem Nationalteam, aber auch der Vereinbarkeit von Studium und Leistungssport.

Wie enttäuscht sind Sie über die titellose Saison mit dem HCL?

Katja Schülke:
Ich will immer Titel gewinnen - und das haben wir vergangene Saison nicht geschafft. Besonders ärgerlich ist, dass wir die Champions League verpasst haben. Aber zwei Mannschaften waren in Liga und Pokal eben besser als wir, das müssen wir akzeptieren. Das ist also ein weinendes und ein realistisches Auge.

Woran lag es, dass Erfurt und Buxtehude erfolgreicher waren?

Katja Schülke:
Erfurt hatte qualitativ und in der Breite einfach den besten Kader - und den haben sie ausgespielt. Wenn es nicht lief, kam eine Spielerin wie Stefanie Subke von der Bank, die bei jedem anderen Club Stammspielerin gewesen wäre. Buxtehude hat als Mannschaft überzeugt, sie waren taktisch hervorragend eingestellt.

Wurmt es Sie speziell, in der kommenden Saison keine Champions League mehr zu spielen?

Katja Schülke:
Ich messe mich gerne mit den besten Spielerinnen der Welt - und die trifft man eben in der Champions League. Jetzt spielen wir im Pokalsieger-Wettbewerb, dort bin ich noch nie aufgelaufen. Ich freue mich drauf, denn internationale Spiele machen immer Spaß.

Sie haben Ihren Vertrag beim HCL bis 2014 verlängert - heißt das, dass Sie dort auch Ihre Karriere ausklingen lassen?

Katja Schülke:
Über mein Karriere-Ende mache ich mir jetzt noch überhaupt keine Gedanken. Ich fühle mich in Leipzig sehr wohl, was sich ja auch im Drei-Jahres-Vertrag äußert. Ich kann mir meine Zukunft sehr gut hier vorstellen.

Hat Sie nie ein Wechsel ins Ausland gereizt?

Katja Schülke:
Ich muss nicht unbedingt ins Ausland gehen. Ich spiele in einem Verein mit einem starken Umfeld und sportlicher Perspektive. Ich will jedes Jahr Meister werden und in der Champions League spielen - und diese Perspektive habe ich in Leipzig. Und was nach 2014 sein wird, weiß ich noch nicht.

Was ist das Besondere in Leipzig?

Katja Schülke:
Was den HCL betrifft, sicherlich der Luxus, das man sich ausschließlich auf den Sport konzentrieren kann. Das gibt es sonst nirgends in Deutschland und in Europa nur selten. Dann haben wir eine tolle Fankultur, die etwas Familiäres hat. Was die Stadt betrifft, sind es die Kultur, die Bars und Restaurants, die Grünflächen - eben so ein Mix aus Berlin und Frankfurt/Oder, wo ich herkomme.

Wie lauten Ihre Ziele für die neue Saison?

Katja Schülke:
Der HCL will immer vorne spielen, aber wir müssen uns erst einmal zusammensetzen und die Ziele definieren. Schließlich haben wir neue Spielerinnen und einen neuen Trainer. Man sollte noch keine Meilensteine erwarten, sondern der Mannschaft erst einmal Zeit zur Entwicklung geben.

Einige Spielerinnen kommen, einige gehen - wird die Mannschaft stärker?

Katja Schülke:
Das wird sich am Ende der Vorbereitung zeigen. Der erste Eindruck war positiv, die Neuen passen gut zum HCL. Ob wir eine stärkere Truppe sein werden, ist eine Frage der Zeit.

Was machen dänische Trainer anders als deutsche?

Katja Schülke:
Die Dänen, oder die Skandinavier allgemein, bringen mehr Tempohandball in die Liga. Sie geben den Spielerinnen mehr Freiräume und Verantwortung, verteilen aber auch klar die Rollen innerhalb einer Mannschaft. Dänen arbeiten mit flacheren Hierarchien, anders als das deutsche System. Aber durch das schnelle Spiel brauchen sie auch mehr Spielerinnen, es gibt nicht die ersten Sieben und dann lange nichts. Die Leistung ist für Skandinavier das entscheidende Kriterium.

Zur Nationalmannschaft: Wären Sie gerne Bundestrainer, um entscheiden zu müssen, wer im Tor steht?

Katja Schülke:
Nein, da bin ich froh, dass ich die Entscheidungen abwarten darf und nicht treffen muss. Es ist super fürs Nationalteam, dass wir drei richtig gute Torhüterinnen haben - gerade für den Fall, dass sich einmal eine verletzt. Ich denke, Deutschland hat in der Beziehung ein Luxusproblem, das es sonst so nicht gibt. Man müsste einmal eine Untersuchung aller Sportarten machen, warum Deutschland überall so viele herausragende Torhüter hat. Bei uns jedenfalls kann Heine Jensen entscheiden, welchen Typ er gegen welchen Gegner ins Tor stellt - und er weiß, es gibt keinen Qualitätsverlust.

Sehen Sie sich derzeit als Nummer eins?

Katja Schülke:
Nein! Ich habe großen Respekt vor Clara und Sabine, bei uns gibt es keine klare Hierarchie, wer die Nummer eins ist. Ich bin allerdings sehr ehrgeizig und will immer spielen. Wichtiger ist aber, dass die Mannschaft Erfolg hat, egal, wer im Tor steht.

Hatten Sie jemals dran gezweifelt, dass Deutschland die WM-Qualifikation schafft?

Katja Schülke:
Nein, niemals. Wir haben seit der Auslosung so hart gearbeitet, dass ich mir immer sicher war. Dass wir stark genug sind, um Ungarn zu schlagen, haben wir beim Osterturnier gemerkt. Ich hätte aber nicht gedacht, dass es im Rückspiel ein so deutliches Resultat geben würde.

Was würde Ihnen die Qualifikation für London bedeuten?

Katja Schülke:
Olympia ist ein Riesenereignis, weil es eben nur alle vier Jahre ist. Wir hatten ein tolles Erlebnis in Peking, wenn man vom sportlichen Abschneiden absieht. Jetzt wollen wir nicht nur Olympia erfahren, sondern auch erfolgreich spielen. Ich hoffe erst einmal darauf, dass wir uns für die Qualifikationsturniere qualifizieren. Mit einem hungrigen Team mit guter Mischung sollten wir dann auch das Ticket für London schaffen.

Wie schaffen Sie es, Uni und Leistungssport unter einen Hut zu bringen?

Katja Schülke:
Mein Lieblingswort ist Prioritätenverschiebung! Es ist schwer, beides unter einen Hut zu bringen. Mitten im Meisterschaftsendspurt musste ich für die erste Examensprüfung lernen, während der WM-Qualifikation für die zweite. Und danach habe ich von sechs Uhr morgens bis ein Uhr nachts gelernt. Aber jetzt ist Land in Sicht, im Herbst ist alles vorbei.

In Ihrer Examensarbeit haben Sie sich mit Handball-Torhütern befasst. Haben Sie dadurch selbst noch etwas gelernt?

Katja Schülke:
Leider waren die Ergebnisse nicht so, wie ich es erwartet hatte - und eine Note habe ich auch noch nicht. Aber ich habe den guten Vergleich - und festgestellt: Egal, ob Thierry Omeyer oder Johannes Bitter in der Bundesliga, oder ein Torwart in der Oberliga, bei allen guten Torhütern ist das Selbstvertrauen enorm ausgeprägt. Das spiegelt die Erwartungen an einen Torwart wider, der seine Mannschaft motivieren und dabei sehr emotional sein soll. Da ist also eher weniger Platz für Introvertierte. Und noch etwas: Egal ob Oberliga oder Champions League, alle wollen dieses Riesengefühl, ein Held zu sein, erleben.

Hinweis:
Katja Schülke tritt mit dem HC Leipzig in der Vorbereitung am 6. und 7. August in Wittlich beim Stelioplast Cup an. Weitere Informationen unter hsg-wittlich.de