01.09.2010 14:01 Uhr - 1. Bundesliga - Ole Rosenbohm

„Komplett neu aufgestellt“ - Sabrina Neuendorf im Gespräch

Sabrina Neuendorf übernimmt beim VfL Verantwortung ...Sabrina Neuendorf übernimmt beim VfL Verantwortung ...
Quelle: Hermann Jack
Die neue Erstligasaison wirft bei den Frauen ihre Schatten voraus. Am kommenden Wochenende starten die zwölf Vereine in die nächste Spielzeit. Der VfL Oldenburg trifft dabei in der heimischen EWE-Arena auf den Aufsteiger BBM Bietigheim. VfL-Pressesprecher Ole Rosenbohm sprach mit Spielführerin Sabrina Neuendorf über die bevorstehende Spielzeit, neue taktische Konzepte und die vor kurzem gegründete Spielergewerkschaft GOAL, die sich auch als Sprachrohr der Spitzenhandballerinnen sieht.

und führt als Kapitänin ihr Team zum Wunderhorn-Siegund führt als Kapitänin ihr Team zum Wunderhorn-Sieg
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Die Saison-Vorbereitung ist fast vorbei. War es anstrengend?

Neuendorf: Vorbereitungen sind immer anstrengend, auch wenn es mir diesmal einfacher vorkam als letzte Saison. Man gewöhnt sich eben an alles.

Es scheint gefruchtet zu haben. Alle Testspiele wurden gewonnen, am Wochenende folgte dann der Gewinn des Oldenburger Wunderhorns.

Neuendorf: Aber das ist kein Maßstab für die Liga. Buxtehude ist doch sehr unglücklich in der Vorrunde ausgeschieden, gegen Esbjerg im Siebenmeterwerfen sind wir vor allem dank unserer überragenden Torhüterin Tatiana weitergekommen. Sowieso gilt: Alle sind in der Vorbereitung, alle sind noch nicht auf dem Zenit. Wir auch nicht. Grundsätzlich bin ich aber ganz zufrieden. Wir waren sicherlich gut, und auch die Neuen haben ins Team gefunden. Abgerechnet wird allerdings am Ende – und das war bei uns letzte Saison nicht so gut.

Immerhin ist der VfL erstmals nach mehr als zwei Jahrzehnten wieder Dritter geworden und stand im Europapokal-Halbfinale. Dennoch sind Sie nicht ganz zufrieden?

Neuendorf: Weil am Ende nichts Zählbares dabei rausgekommen ist. Insgesamt gesehen war es natürlich ganz gut. Und auf den dritten Platz und die Halbfinal-Teilnahme im Europapokal können wir stolz sein. Doch etwas Bleibendes sind nur Titel. Wir hatten die Möglichkeiten, jeden Gegner zu schlagen.

Wo steht der VfL in dieser Saison im Vergleich zur Konkurrenz?

Neuendorf: Gerade dieses Jahr ist das ganz schwer einzuschätzen. Viele Mannschaften haben sich stark verändert. Erfurt zum Beispiel kann ich überhaupt nicht bewerten. Von den Namen her müssten die eine sehr gute Rolle spielen, auf der anderen Seite ist das Team völlig neu zusammengestellt. Sicher sind Leipzig und Leverkusen wie immer Kandidaten für einen Spitzenplatz. Dahinter könnte es ähnlich eng wie im letzten Jahr werden. Da sind Blomberg, Buxtehude, auch Frankfurt und eben wir. Wir selbst haben sicherlich eine gute Mannschaft. Bei den Neuzugängen haben ist ein gutes Händchen bewiesen worden. Wenn wir die Leistung aus dem Wunderhorn-Endspiel in die Saison tragen können, sind die Aussichten ganz gut, doch immer wird das nicht gelingen. Die ganz jungen Spielerinnen müssen außerdem noch im Liga-Alltag bestehen.

Mit sechs Rückraumspielerinnen gibt es eine neue Situation beim VfL. Wie wird sich das auswirken?

Neuendorf: Auf jeden Fall haben wir mehr Wechselmöglichkeiten. Alle sechs können auf mindestens zwei Positionen spielen. Daraus folgt, dass wir nicht mehr so festgelegt sind. Ich glaube, dass das ein Vorteil sein kann.

Von den sechs können nur drei auf der Platte sein. Es wird für einige möglicherweise weniger Einsatzzeiten geben. Von dieser Seite aus gesehen, müssten Sie als Spielerin auch etwas skeptisch sein.

Neuendorf: Es wird Leszeks große Aufgabe werden, alle sechs so einzusetzen, dass sie sich wertvoll fühlen. Unter Umständen sind wir aber auch sehr dankbar, weniger zu spielen. Die letzte Saison war doch sehr zeitintensiv und kraftraubend. Sowieso sollten wir Spielerinnen das langfristig sehen. Vielleicht haben wir dann am Ende die Kraft, ein Halbfinale besser gestalten zu können als letzte Saison. Aber klar: Es ist schwer auf der Bank zu sitzen, wenn man unbedingt eingreifen möchte.

Mit dem Weggang Natalja Parchinas gibt es eine Umstellung in der Abwehr. Wie schwer wiegt das?

Neuendorf: Tascha war hinten natürlich eine Bank. Unsere Aufgabe ist es nun, den Verlust zu kompensieren. Im Wunderhorn hat das super geklappt. Aber grundsätzlich haben wir hinten viel umgestellen müssen. Die vier Positionen in der Innenverteidigung sind komplett neu aufgestellt. Auch wenn man nur eine Position nach links rückt, bedeutet das eine enorme Umstellung. Besonders dann, wenn man wie wir, jahrelang in der gleichen Formation gespielt hat.

Bleibt das schnelle Spiel die große Stärke des VfL? Im Wunderhorn-Endspiel gegen Rostov hat ja immerhin auch der aufgebaute Angriff hervorragend funktioniert.

Neuendorf: Im Tempospiel sind wir immer noch stark, es ist aber noch nicht absehbar, wo genau wir besonders glänzen können. Auf jeden Fall sind wir im Positionsangriff auch durch die neuen Linkshänderinnen variabler geworden. Entscheidend beim Endspiel war aber etwas ganz anderes: Wir waren auf den Punkt konzentriert, sind geschlossen aufgetreten und jede einzelne hat ihre volle Leistung abgerufen. Ich denke, wir haben wirklich ein Team mit viel Potenzial. Dazu haben wir inzwischen viele gestandene Spielerinnen. Das hat noch nicht mal etwas mit dem Alter zu tun – siehe Julia Wenzl, die ist gerade 20, hat aber schon jede Menge Bundesliga-Erfahrung.

Was muss passieren, damit Sie nach der Saison sagen können, dass es ein gutes Jahr war?

Neuendorf: Im Endeffekt wollen wir wieder eine gute Gesamtrunde spielen. Wenn wir es wieder ins obere Tabellendrittel schaffen, wäre es sicherlich ganz gut. Das lässt sich natürlich nur schwer isoliert betrachten, wir sind schließlich nicht alleine in der Liga. Und im Europapokal spielt auch das Losglück eine Rolle.

Ein anderes Thema: Kürzlich ist die Spieler-Vertretung „Goal“ gegründet worden. Was denken Sie darüber?

Neuendorf: Ich denke, das ist eine gute Sache. Es ist doch so, dass der Leistungssport inzwischen ein erstzunehmender Wirtschaftszweig ist. Überall in der Wirtschaft werden beide Seiten gehört, nur bei uns nicht. Daher finde ich es grundsätzlich erstrebenswert, eine solche Vertretung aus Spielersicht zu etablieren.

Hätten Sie konkret etwas zu kritisieren?

Neuendorf: Es gibt ein paar Dinge. Spieltermine am 2. Januar oder 26. Dezember sind so Sachen, die man nicht mag. Ich verstehe natürlich die Vereine, weil an diesen Tagen viele Zuschauer kommen. Aber es wäre doch mal ganz gut, wenn man die Spieler dazu hören würde. Auch zum Spielsystem, dass sich in den letzten Jahren dreimal geändert hat. Die Spieler konnten immer in Umlauf bringen, was sie von gewissen Dingen halten, eine Beteiligung gab es aber nie. Dafür ist so eine Spielervertretung genau das Richtige.



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